Zu wenig Lehrer für 25 Schüler

In den Vorbereitungsklassen der Schulen wird vorbildliche Integrationsarbeit geleistet: Ausländische Kinder lernen die deutsche Sprache. Die Bildungspolitik verhindert mitunter aber eine noch zügigere Integration.

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  • Im Computerraum der Thomas-Schweicker-Realschule: Die pädagogische Assistentin Elfie Zaulich steht Charles aus Nigeria bei einer Textaufgabe zur Seite. In der Vorbereitungsklasse lernen bis zu 25 ausländische Kinder die deutsche Sprache. 1/2
    Im Computerraum der Thomas-Schweicker-Realschule: Die pädagogische Assistentin Elfie Zaulich steht Charles aus Nigeria bei einer Textaufgabe zur Seite. In der Vorbereitungsklasse lernen bis zu 25 ausländische Kinder die deutsche Sprache. Foto: 
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Der Gong ertönt. Hajrija Rustemova und Alexandra Epure blicken von ihren Übungsblättern auf. Die beiden 14 Jahre alten Mädchen aus Mazedonien und Rumänien, seit eineinhalb Jahren in Deutschland, haben in der vergangenen Stunde Präpositionen gelernt und Texte vom Präsens ins Präteritum gesetzt. Mit den beiden Mädchen stehen Fünft- bis Neuntklässler aus Griechenland, Bulgarien, Polen, Sri Lanka, Bulgarien auf, als der Gong ertönt.

"Wer muss in die Regelklasse?", fragt Lehrerin Anja Peschel in die Runde. Je mehr Deutschkenntnisse ein ausländischer Schüler hat, desto häufiger ist er in den Regelklassen der Thomas-Schweicker-Werkrealschule (TSS). Ein Kind hingegen, das die Sprache noch nicht kann, lernt fast nur in der Vorbereitungsklasse - vor allem Deutsch, aber auch Englisch, Mathe und anderen Stoff. Es nimmt höchstens dann am Regelunterricht teil, wenn Sport auf dem Stundenplan steht.

"Normal sind es mehr, und im Normalfall bin ich hier alleine"

Elfie Zaulich, die pädagogische Assistentin, sammelt nach dem Schulgong die Unterrichtsblätter ein und geht in den Computerraum zur nächsten Stunde der Vorbereitungsklasse. An den Rechnern hat jeder Schüler ein Übersetzungsprogramm geöffnet. Ein Mädchen macht eine Textverständnisübung: Es liest einen Text und soll dann Beruf, Familienstand und Alter der Hauptperson im Text eintragen. Das Mädchen kennt das deutsche Wort für "nicht verheiratet" nicht, gibt es im Übersetzungsprogramm auf russisch ein und erhält das Wort "ledig". Elfie Zaulich geht von Schüler zu Schüler, 16 von ihnen sitzen heute im Raum. "Normal sind es mehr, und im Normalfall bin ich hier alleine", sagt die Pädagogin. In vielen Stunden sitzen bis zu 25 Schüler - Kinder, die individuell betreut werden müssen, weil jeder von ihnen einen anderen Kenntnisstand hat. Die 13-jährige Laura aus dem Kosovo zum Beispiel beginnt gerade mit dem Grundwortschatz, der 15-jährige Charles aus Nigeria ist schon viel weiter und bereitet sich bereits auf Prüfungen vor. "Die Unterschiede in der Klasse sind sehr groß", sagt Zaulich. "Wenn ich aber alleine in der Klasse bin, kann ich nicht zehn verschiedene Niveaustufen abdecken." Die Folge: Die Integration läuft innerhalb dieses vorbildlichen Projekts nicht so effektiv, wie es sein könnte.

"Viele unserer Kinder in der Vorbereitungsklasse bräuchten eine noch individuellere Ansprache, dann wäre eine noch schnellere Förderung möglich", sagt TSS-Rektor Karlheinz Lang. Kommt die vom Land geplante Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Stadtheide, kämen noch mehr ausländische Kinder in die Vorbereitungsklasse (VK).

Derzeit gibt es 30 Schüler mit Förderbedarf, für die VK sind aber nur elf gemeldet. Schüler dürfen nicht doppelt gezählt werden, sondern entweder für die VK oder für den Regelunterricht. Wenn aber zu viele Kinder in der VK gemeldet sind, fehlen sie zur Bildung von Regelklassen - von denen an der TSS dann welche wegfallen müssten. "Das geht bei uns wegen der Schülerzahlen nicht", sagt Lang. Deshalb kann die TSS nur eine Vorbereitungsklasse anbieten, obwohl sie Bedarf für eine zweite hätte.

Lang wünscht sich vom Land, dass Kinder doppelt gezählt werden dürfen. Oder dass mehr Lehrerstellen bereit gestellt werden. Oder dass der Teiler bei Vorbereitungsklassen - derzeit liegt er bei 25 - gesenkt wird. "Es wäre vernünftig, den Klassenteiler an die Kooperationsklassen mit der Berufsschule anzupassen, da liegt er bei 16", sagt Lang. Realitätsfremd sei auch, dass die Schule bereits im April melden muss, wie viele VK-Schüler sie im nächsten Schuljahr haben werde.

"Es gäbe andere Modelle der Stundenzuweisung", sagt Lang. Die Frage aber sei: "Was will das Land bereitstellen, was nicht? Das ist eine politische Entscheidung und eine Frage des Geldes."

An anderen Schulen gibt es zwei Vorbereitungsklassen

Förderung Die Vorbereitungsklasse (VK) an der Thomas-Schweicker-Werkrealschule im Schulzentrum West ist eine Einrichtung für Fünft- bis Neuntklässler ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen. Die Klasse ist täglich fünf bis sechs Stunden besetzt. Ziel der VK ist es, die sprachlichen Voraussetzungen für die Teilnahme am Unterricht in den Regelklassen zu schaffen. Für ihre Arbeit in der VK ist die Thomas-Schweicker-Schule 2013 mit dem Integrationspreis des Haller Landratsamtes ausgezeichnet worden.

Beispiele Die Grundschulen Rollhof, Hessental, Gottwollshausen haben laut Doris Emter, Leiterin der Rollhof-Grundschule, allesamt zweite Vorbereitungsklassen. In der separaten Sprachförderklasse der Rollhof-Schule gibt es derzeit 14 Kinder. Bei mehr als 15 Schülern in einer Klasse sei eine Förderung nicht mehr intensiv genug, sagt Emter. In der zweiten Vorbereitungsklasse der Rollhof-Schule lernen 21 Kinder, die stundenweise aus den Regelklassen herausgenommen werden - und aus diesen auch herausgerechnet werden.

WD

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