Zerstörte Lebenslügen

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Hedda Gabler (Kristin Göpfert), mit Pistole in der Hand, sitzt dem pragmatischen Richter Brack (Antonio Lallo) gegenüber. Dieser will Gablers Ehe zu einem „Dreieck“ erweitern.  Foto: 

Es sind alle krank, da ist kein gesunder Mensch auf der Bühne“ – mit diesen Worten kündigte Dramaturgin Anna Gubiani einem Kreis von Zuhörern die Aufführung am Samstag in Ilshofen an. Am schlimmsten erwischt hat es die Titelfigur Hedda Gabler. Sie händigt ihrem labilen und alkoholkranken Ex-Liebhaber eine Pistole aus und lässt ihn in dem Glauben, dass er das Manuskript für sein neues Buch unwiederbringlich verloren hat. Mehr noch. Sie fordert ihn offen zum Selbstmord auf: „Tu’s in Schönheit!“

Fasziniert von der Zerstörung, verbrennt sie die wertvollen Aufzeichnungen und vernichtet damit sein Lebenswerk – das wissenschaftliche Buch, an dem Ejlad Lövborg zusammen mit Heddas Freundin Thea lange gearbeitet hat. „Jetzt verbrenn’ ich euer Kind“, sagt sie. Als sie sieht, dass sich ihr Ehemann und Thea mit Eifer daranmachen, die übrig gebliebenen Notizzettel erneut zusammenzusetzen, zerstört sie auch ihr eigenes Leben – und das ihres ungeborenen Kindes – mit einem Schuss.

Wissenschaftler ist kein Genie

Kristin Göpfert spielt die Hedda Gabler verhalten, ohne nennenswerte Emotionen. Lasziv und desinteressiert räkelt sie sich mit der Pistole in der Hand vor dem pragmatischen Richter Brack, dargestellt von Antonio Lallo, der um ihre Langeweile weiß und ihre Ehe zu einem „Dreieck“ erweitern will. Ralph Hönicke ist der sensible Ejlad Lövborg, der für Hedda noch mehr Sympathie empfindet als für die ihm in Liebe ergebene Thea, dargestellt von Katja Uffelmann. Bieder, rechtschaffen und wenig aufregend wirkt Heddas frisch angetrauter Ehemann Jörgen Tesman. Martin Theuer gibt den redlichen Wissenschaftler, der selbst weiß, dass er kein Genie ist.

Regisseur Alexander Müller-Elmau hat auch das Bühnenbild erschaffen: ein karger Rohbau, nur spärlich mit Requisiten bestückt. Auffallend sind die waagerechten schwarzen Striche an den Wänden. Hedda zeigt, wie sie entstanden sind. Mit einem Kohlestift streift sie an den schmucklosen Mauern entlang, eingesperrt wie ein Tier im Käfig. Zwei unwichtigere Figuren, Tante und Dienstmädchen, die von Henrik Ibsen vorgesehen waren, hat die Regie gestrichen. Damit hat sie die Handlung deutlich gestrafft.

Nur sparsam werden Gefühle ins Spiel gebracht. Die stärksten Emotionen äußert das Cello von Céline Papion. Mal sanft mit Passagen aus Cello-Suiten von Bach, mal melancholisch mit Anspielungen auf norwegische Volkslieder oder in aufbrausenden Improvisationen, die sich zu schrillen Obertönen steigern, begleitet das Instrument die Schauspieler.

1891 ist das Stück in München uraufgeführt worden. Es ist die Zeit, in der Sigmund Freud die Psychoanalyse entwickelt und das Theater den Naturalismus propagiert, in dem selbst Alkoholismus und Geisteskrankheiten auf der Bühne kein Tabu mehr sind. „Hedda Gabler“ geht weit über Gesellschaftskritik und wechselnde Beziehungsprobleme hinaus und endet in seelischen Katastrophen und der Zerstörung von Lebenslügen.

Die Aufführung mutete dem Ilshofener Publikum eine hohe Dosis November-Blues zu. Nur selten gab es Grund zu lachen. Trotzdem spendeten die Zuschauer dem Ensemble langen und anerkennenden Applaus.

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