Zeitreise mit 35 Kilo am Körper

Wenn Geschichte lebendig wird: Eine Gruppe marschiert im Landkreis Hall auf den Spuren des römischen Kaisers Caracalla - in originalgetreuer Ausrüstung.

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Noch hat Marcus Vinicius Telesporus nicht zum äußersten Mittel greifen müssen. Die Knochensäge bleibt auch am sechsten Tag des römischen Feldzugs gegen die Germanen in der Tasche des Mediziners. Er wird sie herausholen, wenn sein kleiner Hilfstrupp in einen Hinterhalt der Barbaren gerät. Dann wird Telesporus amputieren müssen. „Diese Säge kriegt jeden Knochen innerhalb von zwei Minuten durch“, sagt der römische Offizier und schaut auf den starken Hirschgeweihgriff der Säge. Sie muss in kurzer Zeit ganze Arbeit verrichten, weil die in der Schlacht verletzten Kämpfer oft so viel Blut verlieren, dass jede Sekunde zählt.

In der Tasche des Arztes stecken noch viele andere Sachen – Skalpelle, Sonden und Wein, mit dem sich die Feldzügler in feindlichem Gebiet beruhigen. Opiumkugeln lindern oder betäuben die Schmerzen der Verletzten. Ein Erste-Hilfe-Pack im Jahr 213.

Ausschau nach feindlichen Truppen

Marcus Vinicius Telesporus erkundet in einem römischen Aufklärungstrupp die Gegend. Die Gruppe hält Ausschau nach feindlichen Truppen im Maisfeld und im Wald, sie soll Fallen aufspüren und den Weg für die nachfolgenden Legionen bereiten. Etwa 20 römische Bürger und angeworbene Germanen marschieren in neun Tagen zwischen den Limesorten Aalen und Osterburken, insgesamt knapp 150 Kilometer. Schnell überqueren sie die Grenze des Römischen Reichs, hinter der nach römischem Verständnis nur Barbaren leben. An Tag sechs geht es von Wallhausen-Hengstfeld nach Blaufelden, nach Schainbach geht der Marsch über freies, sonnenüberflutetes Feld. Die Truppe käme schneller voran, wenn sie auf ihrem Weg nicht so oft ein Spalier bilden müsste für Traktoren und Autos.

Traktoren und Autos? Im Jahr 213? Tatsächlich besteht der Hilfstrupp aus Ärzten, Juristen, Lehrern, Ingenieuren, Polizisten, Menschen aus dem 21. Jahrhundert. Marcus Vinicius Telesporus ist in Wirklichkeit der 48 Jahre alte Marcus Resch. Seit eineinhalb Jahren ist der Frankfurter Geologe Mitglied von Numerus Brittonum, einer Abteilung des Historischen Vereins Welzheim. Die Gruppe will mit ihrem Marsch vom 17. bis 25. August an den Caracallafeldzug vor 1800 Jahren erinnern: Im August 213 reiste Kaiser Caracallas an die nördliche Grenze seines römischen Reiches, um einen Feldzug gegen die Germanen zu führen.

"Jeder Fehler muss im Kollektiv ausgebadet werden"

„Dies war das erste Ereignis der Landesgeschichte, das auf den Tag genau datiert werden kann“, sagt Andreas Schaaf, der den Feldzug federführend monatelang vorbereitet hat. Im April 2012 legte der Lehrer die Strecke fest – eine Strecke, die auch der Kaiser gegangen sein könnte –, vor dem Marsch fuhr Schaaf die 140 Kilometer mit dem Fahrrad ab. Von den Kommunen musste sich Schaaf die Übernachtungen in Zelten auf öffentlichen Plätzen genehmigen lassen, von der Polizei den Marsch auf den Straßen.

Ein falsches Abbiegen, gar ein Verlaufen wäre fatal, sagt Schaaf: „Jeder Fehler muss im Kollektiv ausgebadet werden.“ Und würde auf die Moral der Truppe drücken, denn jeder trägt beim Gehen zwischen 35 und 40 Kilo Ausrüstung mit sich herum. Jeder unnötige Schritt ist einer zuviel. Helme, Schilder, Kettenhemden und Speere, Hosen aus Leinen oder Wildleder, der Wasserschlauch am Gürtel, genagelte Schuhe, Hirschteig zwischen den Schenkeln, damit sich die aneinanderreibende Haut regenerieren kann – die Gruppe marschiert in authentischer Kleidung und mit Gepäck nach antikem Vorbild.

Schaaf hat sich seine römischen Schlappen für 300 Euro von einem Nürnberger Schuhmacher anfertigen lassen, viele Teilnehmer haben ihre Kleidung selbst geschneidert – wie Albrecht Eisenreich, der zusammen mit seinem 13 Jahre alten Sohn Alexander auf den Spuren des römischen Kaisers wandelt. „Ich möchte ein Gefühl bekommen, wie damals gelebt worden ist“, sagt der Jurist aus Winnenden, „ich möchte Geschichte selbst erleben und nachvollziehen können.“

Leinengewand wehrt Schläge ab

Dafür müssen die Feldzügler an ihre Grenzen gehen – und darüber hinaus. Katharina Bitzer hat an bis dahin sechs Marschtagen mehr als zehn Blasen an ihren Füßen gesammelt. Von Hengstfeld nach Blaufelden geht die 20 Jahre alte Schorndorferin barfuß – 17 Kilometer über Stock, Asphalt und Stein.

„Jede Steigung bedeutet Arbeit“, sagt auch Marcus Resch. Ein leichtes Kettenhemd wiege sieben Kilo, ein schweres zwölf Kilo. In der Montur schwitze man stark, aber immerhin tragen die Freizeitkrieger unter der Rüstung ein gepolstertes Leinengewand: „Das nimmt Schweiß auf und wehrt Schläge ab“, sagt Resch, während er sich von einem Gehilfen das große Schild auf den Rücken schnallen lässt. „Milites preparate“ (Soldaten, macht euch fertig“), ruft derweil Kommandant Marcus Schaaf, „ad arma“ („Zu den Waffen“), befiehlt der Centurio.

Jeder nimmt seine Position ein, vorne steht der Fahnenträger, eine wichtige Person. „Das Feldzeichen war die Seele einer römischen Einheit“, erzählt Resch. Wer die Fahne verlor, konnte unehrenhaft entlassen oder sogar getötet werden. Wichtig ist auch der Hornist. Nikolai, neun Jahre alt, spielt auf dem Marsch nach Blaufelden den Signalgeber. Seine Oma Magdalene Gärtner läuft an diesem Tag auch mit, ebenso in Zivil wie Hans-Joachim Heigener. Für den Thüringer ist diese Etappe ein Klacks: Der 54-Jährige wanderte kürzlich an 36 Tagen den kompletten Limes entlang, vom Rhein bis zur Donau.

Das wäre in der originalgetreuen Montur der Freizeitkrieger wohl nicht möglich. Truppenarzt Marcus Vinicius Telesporus verwandelte sich in Marcus Resch, als er am fünften Marschtag Teilnehmern mit malträtierten Füßen das Weitergehen verbot. „Hier hat sich die Realität in das Spiel eingeschaltet.“
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