Podiumsdiskussion: „Schlechte Pflege bringt mehr Geld“

Bei der Podiumsdiskussion des Hospiz-Diensts erfahren 100 Zuhörer, welche Missstände es bei der Betreuung von Pflegebedürftigen gibt. Kritisiert werden auch Haller Heime.

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Ich war heute um 14.30 Uhr im Pflegeheim und habe mit einer Fachkraft gesprochen, die seit 6.30 Uhr 30 Pflegebedürftigen beim Aufstehen, Waschen und Anziehen hilft, sie zur Toilette begleitet oder Windeln wechselt, die Betten macht und Essen gibt“, berichtet Ute Ebner-Höll vom Hospiz-Dienst in einem Gespräch nach Ende der Podiumsdiskussion am Donnerstag im Adolf-Würth-Saal.

Zwei Pflegekräfte hätten in dem Haller Heim, dessen Namen sie auch auf mehrmalige Nachfrage nicht nennen will, in einer Frühschicht 30 Menschen betreut, die sich allein nicht helfen können.  Dazu kämen noch zahlreiche Dokumentationsaufgaben, Angehörigenkontakte und vieles mehr. Für Ebner-Höll, die viele Pflegeheime von innen kennt, steht glasklar fest: „Gutes Personal wird verheizt.“

Auch in zwei Wortmeldungen am Ende der Debatte werden Heime in Hall angeprangert. In dem einen gebe es weder eine Pflegedienstleitung noch eine stellvertretende Pflegedienstleitung, berichtet Anneliese Sommer. Aber dennoch erhalte die Einrichtung im Ranking Traumnoten von 1,0 oder 1,1. Und Professor Dr. Volker Aurich berichtet: Ihm sei gesagt worden, dass der Personalschlüssel im Nachtdienst nur ein Richtwert sei. Er glaubt nicht, dass seine Mutter in einem Haller Heim gut betreut werde.

Das kollektive Wegschauen bringt Autor Claus Fussek, den der Hospiz-Dienst mit aufs Podium gebeten hatte, auf die Palme. Alle Fakten seien bekannt. „Je schlechter die Pflege ist, umso mehr Geld erhält das Pflegeheim.“ Würde ein Bewohner sich wundliegen, würde er in eine andere Pflegestufe rutschen und dem Heim mehr Geld einbringen. „An jedem Geschwür, das nicht gut durchheilt, verdient man“, behauptet er.

Moderator Dr. Marcus Haas, Chefredakteur des Haller Tagblatts, hakt nach: „Ist das so?“ Jürgen Heckmann, stellvertretender Geschäftsführer der AOK-Heilbronn-Franken, beantwortet die Frage nicht direkt: „Warum ziehen wir nicht die vielen positiven Beispiele heraus, die es gibt?“ Mehr Geld in der Pflege würde nicht automatisch zu einer besseren Qualität der Versorgung führen.

Mitarbeiter motivieren

Anke Franke, Leiterin des Maria-Martha-Stifts in Lindau, kann das sogar bestätigen. Sie hat das Haus aus den Roten Zahlen zu einem Vorzeigeheim geführt. Da muss sogar „Pflegekritiker“ Fussek das Taschentuch ziehen: „Ich habe mir das angeschaut, bin in den Garten  gegangen und habe geheult. Dass es so etwas Tolles gibt.“ Funkes Erfolgsrezept: Mitarbeiter sollen ihre Fähigkeiten – wie Gitarrespielen oder einen Männerstammtisch mit Bewohnern zu organisieren – einbringen. Über die Küchenkraft, den Hausmeister, bis hin zu Verwaltungsangestellten seien alle mit dem Umgang der Dementen geschult. Das schaffe eine positive Atmosphäre des Miteinanders im ganzen Haus. Zudem müssten alle technischen Geräte da sein.

Der Erfolg: „Neun Bewohner sind bei uns im letzten Jahr in eine niedrigere Pflegestufe gekommen.“ Andere Heime seien nicht so vorbildlich. „Es gibt viele Methoden, Menschen an der Bewegung zu hindern.“ Das habe sie in Fachzeitschriften gelesen. Indem man zum Beispiel die Hausschuhe versteckt. 40 Prozent der Pflegebedürftigen würden so  in ihrer Freiheit eingeschränkt, 50 Prozent erhielten Medikamente, die sich nicht benötigen, und ganze elf verschiedene Präparate müssten Pflegebedürftige in Heimen regelmäßig schlucken. Funke will das ändern und schlägt Pflegedörfer vor, in denen sich Bewohner frei bewegen können. Doch dafür gebe es kein Geld. Eine quartiersorientierte Unterbringung schwebt Jutta Niemann vor. Die Grünen-Landtagsabgeordnete berichtet über eine Enquete-Kommission dazu, die 600 Vorschläge gemacht hat.

Eigeninitiative mit Erfolg

Dass sich etwas bewegen kann, davon berichtet Susanne Kränzle. Die Chefin des Hospiz-Verbands im Land erzählt von einem stationären Hospiz, also einem Gebäude, in dem Schwerkranke begleitet werden, das allein durch Spendengelder finanziert wurde.

Der investigativ arbeitende Buchautor Fussek hofft auf eine Revolution. Pflegekräfte und Angehörige alter Menschen müssten aufstehen und ihre Rechte einfordern. Er rät: „Seien Sie nett zu Ihren Kindern und Enkeln. Die suchen einmal ein Pflegeheim für Sie aus.“

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