Würths Kunst-Schatzkiste im Martin-Gropius-Bau lässt Berliner staunen

Im Rausch der Zeiten und Stile - „Von Hockney bis Holbein“ zeigt die opulente Sammlung auf 5000 Quadratmetern.

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Ein halbes Jahrtausend Kunstgeschichte, tonnenschwere Exponate, Dimensionen und Farben, die in Staunen versetzen: Wenn Reinhold Würth für die nächsten vier Monate im ehrwürdigen Martin-Gropius-Bau in Berlin einen mehr als 400 Exponate umfassenden Querschnitt seiner Sammlung zeigt, die inzwischen auf rund 17000 Werke angewachsen ist, dann wird nicht gekleckert. Da wird geklotzt. „Im Jargon meiner Enkel würde ich sagen, die Schau ist richtig geil“, sagt er und lächelt hohenlohisch verschmitzt in die Runde der rund 100 Journalisten, die neugierig sind auf die Sammlung dieses Unternehmers „aus dem Schwäbischen“. Ganz schwäbisch darf Konzernsprecher Robert Friedmann auf dem Podium das Unternehmensporträt in Zahlen malen: 400 selbstständige Gesellschaften weltweit, mehr als 68000 Mitarbeiter, zehn Milliarden Euro Jahresumsatz. Schließlich ist die Kunstsammlung nicht einfach vom Himmel gefallen. Von nichts kommt nichts. Zudem fungiert Kunst bei Würth auch als Imagebotschafter.


Freilich kokettiert Reinhold Würth auch auf dem Berliner Parkett gerne mit seinem „beschränkten Kaufmannsverstand“, der ihn zunächst vielleicht eher „aus dem Bauch heraus“ Kunst sammeln ließ. Sein erstes Werk, Emil Noldes Aquarell „Wolkenspiegelung in der Marsch“, das er „für 50000 oder 60000 Mark“ einst im italienischen Campione kaufte, hat ihm noch eine schlaflose Nacht bereitet. Es ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Längst ist der Verstand des Unternehmers kunstsinnig geschärft, nicht zuletzt durch seinen hochkarätig besetzten Kunstbeirat.


Andere Sammler würden sich häufig spezialisieren und so unangreifbar machen. Bei ihm sei das anders, betont Würth: „Meine Sammlung regt an zu Kritik und Diskussion“. Die Berliner Ausstellung spiegle die Handschrift seiner Sammlung wider: bunt, nonformal, mit Lücken und geschlossenen Blöcken.


Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat dem Unternehmer und Sammler aus Künzelsau vor wenigen Tagen ein dreiseitiges Interview gewidmet, schrieb vom Triumphzug der Sammlung in Berlin. Genau dieser vollzieht sich im Gropius-Bau, als Würth am Donnerstag bei der Vernissage erste Einblick in seine opulente Kunst-Schatzkiste gibt. Lust und Last sei es gewesen, Lichthof, Erdgeschoss und Obergeschoss – 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in 30 Räumen – zu bespielen, berichtet Sammlungsdirektorin Sylvia Weber. 220 Tonnen Kunst mussten nach Berlin verfrachtet werden. Allein Chillidas roter Granitblock „Instrument für Bach“, der im Obergeschoss in einem mit Bachs „Kunst der Fuge“ dezent beschallten Chillida-Saal gezeigt wird, wiegt sechs Tonnen. „Ich hoffe, das kracht nicht runter“, merkt Würth schmunzelnd an.


Erhaben und elegant in die Höhe ragend empfängt Henry Moores Bronze-Skulptur „Large Interior Form“ im Vestibül die Besucher im Martin-Gropius-Bau. Im Lichthof nimmt einem Anthony Caros wuchtiges „Jüngstes Gericht“ schier den Atem. Peter-Klaus Schuster, Berlins früherer Museums-General, Mitglied in Würths Kunstbeirat und Kurator der Ausstellung, vergleicht den Gang durch die Schau damit, „als würde man mit einem Löffel das Meer ausschöpfen“. Die Vorgabe von Gropius-Bau-Direktor Gereon Sievernich „macht mir die Mitte stark“ gelingt bereits eindrucksvoll.


Und so geht es auch weiter: Vom Erbschenkenpokal der Grafen von Limpurg bis zu Dieter Roths „Karnickelköttelkarnickel“. Boteros dralle Porträts in der Nachbarschaft zu Lucas Cranachs bescheidenen Luther- und Melanchthon-Porträts. Kurator Schuster – Reinhold Würth nennt ihn fast liebevoll „a Käpsele“ – feiert die „Gleichzeitigkeit der Verschiedenheit“ und lädt ein, sich quer durch die Zeiten und Stile lustvoll verwirren zu lassen. Kein Problem.


Es führt ein Weg zu Hockney und seinen leuchtenden Jahreszeiten, es führt ein Weg zu Holbeins Schutzmantel-Madonna, gewiss die Königin der Schau. Vor mehr als 150 Jahren zierte sie das Grüne Zimmer des Berliner Stadtschlosses, das Wohnzimmer der Prinzessin Marianne von Preußen. „Von Hockney bis Holbein“ erzählt die Kunstgeschichte zwar rückwärts, orientiert sich aber damit an der Entwicklung der Sammlung. Denn Reinhold Würth ist erst mit der Zeit auf den Geschmack der Alten Meister gekommen.


Unterwegs auf der Kunst-Reise im Gropius-Bau gibt es zahlreiche Begegnungen: Edvard Munch, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Pablo Picasso, Max Ernst, Gerhard Richter, Anselm Kiefer, ein Raum voller mexikanischer Künstler, Andy Warhol, Tilman Riemenschneider, Räume für Christo, Max Bill, Jean Tinguely im Obergeschoss, dazu Österreicher wie Rudolf Hausner und Alfred Hrdlicka – ein „Who is Who“ der Kunst.


Entsprechend erlaucht und glanzvoll sind auch die Gäste der Vernissage. Kulturstaatsministerin Monika Grütters nutzt die Gelegenheit, die Wellen in der Debatte um ein geplantes Kulturgutschutzgesetz erneut zu glätten – zumal Reinhold Würth ein Gesetz auf europäischer Ebene favorisiert. Grütters spielt nun den Sammlern den Ball zu: Diese mögen eine Delegation zu Gesprächen über das Gesetz ins Ministerium schicken, „dazu lade ich sie ein“.


Die Sammlung Würth ist glanzvoll in Berlin angekommen. Reinhold Würth lasse sich zu seinem 80. Geburtstag, den er im April feierte, nicht nur beschenken, „sondern er schenkt auch“, sagt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ergänzt: „Schrauben halten die Welt zusammen – Kunst auch.“ 

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