Wo jeder jeden schlägt

Dem Haller Amtsgericht geht die Arbeit nicht aus. Mit einer Disko-Schlägerei, wo "jeder jeden geschlagen hat", wie ein Zeuge formulierte, hat sich das Jugendgericht mehr als drei Stunden lang beschäftigt.

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Der Fall spiegelt exemplarisch, was sich in Diskotheken fast wöchentlich ereignet: Junge Männer finden auf der Tanzfläche, an der Bar oder im Raucherzimmer irgendeinen Gast, der sich als Nörgler oder Rivale erweist. Oder man kennt sich flüchtig und hat von früher her noch eine Rechnung offen. Es beginnt mit Anwürfen und Beleidigungen und führt schnell zu Schubsereien.

Die Türsteher aber sind geschult und setzen die Streithähne unverzüglich vor die Tür. Damit bleibt das Lokal sauber, der eigentliche Kampf aber beginnt erst. Freunde aus beiden Lagern eilen nach draußen, um zu schlichten oder ihrem vermeintlich angegriffenen Kumpel zu helfen. Erst wenn einer erkennbar verletzt am Boden liegt, kehrt erschrockene Ruhe ein.

In dem jetzt verhandelten Fall lag am 15. Mai um zwei Uhr nachts ein junger Gaildorfer mit blutendem Mund und verschobenen Zähnen auf dem Parkplatz des Elite Clubs in Sulzdorf. Wer ihm den schweren Schlag gegen das Kinn beigebracht hat, kann er nicht sagen. Der 17-Jährige hatte sich betrunken (Blutalkoholgehalt: 1,7 Promille) in eine Auseinandersetzung seines türkischen Freundes, mit dem er unterwegs war, eingemischt.

Auch der heute 19-jährige Gegner des gebürtigen Türken war nicht allein. Der Haller hatte einen gleichaltrigen Freund an seiner Seite. Einer von beiden soll den fatalen Faustschlag gesetzt haben. Gemeinsam waren sie jetzt angeklagt.

Neun Zeugen vernimmt Richterin Katja Kopf, aber jeder hat eine andere Version. Einer verwechselt Täter und Opfer - tatsächlich hat das Opfer aus Gaildorf eine Vorstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung. Sein türkischer Freund ist auch vorbestraft. Die Angeklagten sind dagegen unbescholten und treten geradezu seriös auf: Der eine trägt eine graue Strickweste über dem Oberhemd, der andere über dem Hemd einen gepflegten Pullunder. Beide haben ihren Realschulabschluss, einer kam erst im Alter von zehn Jahren aus Kasachstan.

Ein Zeuge spricht vom Opfer nur als dem "Besoffenen". Und dessen Freund nennt er abwertend den "kleinen Türken". Der 21-jährige Türke wird selbst befragt. Freimütig berichtet er: Im Raucherzimmer habe er einen der beiden Angeklagten "angeschaut". Der durch die Blicke "angestresste" Raucher aus Hall habe erwidert: "Hast du mit mir ein Problem?" Er sei, so der 21-jährige Streitstifter, wenig später von einem Türsteher "wie ein Karton" rausgetragen worden. Aber auch der Raucher wurde aus dem Lokal gewiesen. Auf dem Parkplatz wurde es ernst. Mit einer Gehirnerschütterung und einem doppelten Unterkieferbruch blieb der 17-jährige Gaildorfer, der sich eingemischt hatte, auf der Strecke.

Nach dreieinhalb Stunden Verhandlung stellt Oberstaatsanwalt Peter Bracharz einen friedensstiftenden Vorschlag in den Raum: Das Verfahren gegen beide Angeklagte soll eingestellt werden, wenn sie ein Schmerzensgeld an das Opfer zahlen: 500 Euro der eine, 200 Euro der andere. Richterin Katja Kopf greift im allgemeinen Einverständnis den Vorschlag auf. Wer den Kieferbruch verursacht hat, ist damit aber nicht geklärt. Nur eines ist deutlich geworden: Wer nicht erleben will, wie unter aufgebrachten jungen Männern die Fäuste fliegen können, sollte Diskotheken-Parkplätze meiden.

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