Willfährig, gefügig, unfrei

Etwas altmodisch kommt das Wort daher: untertan. Wie brandaktuell das sein kann, zeigt die Lesung von Joachim Zelter in der Haller Buchhandlung Osiander. Er stellt seinen neuen Roman "untertan" vor.

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Joachim Zelter bei einer Lesung in Schwäbisch Hall. Archivfoto: Thumi

Der Autor hat einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Schwäbisch Hall verbracht. Ein halbes Jahr Gymnasium mit Erfahrungen, die direkt in die Romanhandlung führen, wie er in der Fragerunde ausführt. Auch sein Internatsaufenthalt bietet offenbar genügend Rohmaterial für den Roman.

Die gesammelten Niederlagen des Antihelden Friedrich Ostertag rufen beim zahlreichen Publikum Mitgefühl, aber auch immer wieder Gelächter hervor. Der Protagonist wird von einem überehrgeizigen Vater in eine Gymnasiallaufbahn gepresst. Sein Scheitern ist systematisch und zerstörerisch. Das teuere Internat verschafft ihm und einigen seiner Mitschüler ein Abitur - auf welchem Wege auch immer.

Zelter liest gekonnt. Die Sätze sind, wie er anmerkt, bewusst rhythmisiert für das Vorlesen. Eine Zuhörerin: "Sie haben das so interessant gelesen; ansprechender, als wenn man es selbst liest." Seine Erzählweise ist akzentuiert, in meist kurzen Sätzen, leitmotivischen Worten, überteibend bis zur Hysterisierung, witzig.

Es ist natürlich eine Satire, worauf schon der Anfang aufmerksam macht: "Friedrich Ostertag war ein verträumtes Kind." Da ist er wieder, der erste berühmte Satz aus Heinrich Manns "Der Untertan": "Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt." Eine Art Wiederaufnahme, ein Anwenden der knapp 100 Jahre alten Versuchsanordnung in neuem Umfeld. Ob das gut gehen kann?

Es funktioniert, so viel sei vorab bemerkt. Die Sozialisation im Wilhelminismus zu einem Subjekt mit Kaiser-Wilhelm-Bart, charakterlos, ergeben, war zwei Monate vor Beginn des ersten Weltkrieges eine zu zensierende Sensation.

Das Nomen mit dem bestimmten Artikel: "Der Untertan" mutiert 2012 zum Adverb "untertan": er ist eben einfach untertan. Und untertan ist der Ururenkel des Erfinders von "Fang den Hut". Die Abhängigkeit ist keine militärische mehr, sondern eine letztlich ökonomische.

Denn die Söhne der Adligen und Industriellen im Internat und später an der Universität suggerieren zwar, dass sie durch Leistung zur Elite gehören. In Wahrheit gibt es jedoch umfassende Strukturen, die sie stützen. Friedrich wird zum Assistenten für einen schwerreichen Mitschüler, dem er alle Arten von geistiger Arbeit abnimmt. Sie studieren Politologie und Soziologie: "Alle anderen Fächer erschienen . . . abwegig, eine Unmöglichkeit."

Spannend, amüsant und treffend erzählt Zelter von Gruppenreferaten, Magister- und Doktorarbeiten. Und er führt mit spitzer Feder die Abhängigkeit der "Generation gerne", wie er sie nennt, vor. Schon allein die Nähe und die Aura des Geldes wirken magnetisch: "Möchten Sie mich heiraten?" "Gerne."

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