Wie unter einer ewigen Eisdecke

Uwe Hauck aus Breitenstein leidet unter Depression. Er und seine Familie gehen sehr offen mit der Krankheit um. Das ist auch am Dienstag in der ZDF-Dokureihe „37 Grad“ zu sehen.

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Uwe Hauck hat Humor und seiner Depression kurzerhand ein knuffiges Gesicht gegeben: das Plüsch-Einhorn auf seinem Lieblingssessel.  Foto: 

Nein, man braucht nicht zu glauben, dass es im Gespräch mit einem Betroffenen über Depression immer ganz ernst zugeht. Es wird durchaus locker geplaudert und gelacht – ganz normal. Die Krankheit ist einem Menschen nicht anzusehen – im Gegenteil: „Als Depressiver ist man richtig gut darin, eine Fassade aufzubauen. Wir sind Könige der Maske“, sagt Uwe Hauck. Der 49-Jährige aus Breitenstein weiß, wovon er spricht. Er ringt seit langem mit der Krankheit. Obwohl in Deutschland rund vier Millionen Menschen unter Depression leiden, gibt es viele Vorurteile.

Wie sich ein depressiver Schub anfühlt? „Schwer zu beschreiben“, sagt Hauck. Er versucht es mit einem Bild: Man springt mit anderen an einem schönen Sommertag in einen See, schwimmt, taucht. Die anderen gehen wieder an Land, rufen „komm’ doch auch raus aus dem Wasser“. Aber beim Auftauchen stößt man ständig gegen eine Eisdecke, immer wieder. Sie hält einen gefangen. „Es ist viel mehr als Traurigsein, es ist Hoffnungslosigkeit, Ausweglosigkeit, Verzweiflung“, sagt Hauck.

„Viel mehr als Traurigsein“ ist auch der Titel der Reportage in der ZDF-Dokureihe „37 Grad“, die morgen, Dienstag, um 22.15 Uhr ausgestrahlt wird, und in der Hauck seine Geschichte erzählt. Wie er und seine Frau Sibylle diesem Termin entgegenblicken? Etwas komisch sei es schon, räumt die 45-Jährige lächelnd ein. Über einen Zeitraum von rund zehn Monaten war das Doku-Team immer wieder bei den Haucks, die Einblicke in verschiedene Phasen ihres Familienlebens gewähren. Aber sie sind auch voll Zuversicht und froh darüber, über das Thema sprechen zu können.

„Ach, ich hätte so gerne ein gebrochenes Bein.“

Depression hat viele Gesichter. Die einen können während eines Schubs kaum das Haus verlassen. „Bei mir war es so, dass ich versucht habe, immer mehr zu machen und rastlos war“, erklärt Uwe Hauck. Anfang 2015 hat der dreifache Familienvater versucht, sich das Leben zu nehmen: „Eine Affekthandlung“, sagt er. Zum Glück ging die Sache schief. Er wies sich selbst in die Psychiatrie nach Weinsberg ein, bekam Medikamente, war später in der Tagesklinik in Hall.

Der Software-Entwickler hat ein Faible für soziale Medien. In der Psychiatrie entschied er, seine Krankheit öffentlich zu machen: „Und wenn schon, dann ganz offen und ehrlich.“ Es klingt so, als ob ein Knoten geplatzt sei. Unter dem Hashtag „#ausderklapse“ twitterte er von seinem Alltag – und merkte auf einmal, wie viele offene Fragen es zur Psychiatrie gibt. Die Zahl seiner Leser wuchs.

Mit der Wiedereingliederung in den Job hat es beim ersten Versuch nicht geklappt. „Das war zu schnell.“ Nach zwei Wochen hatte Uwe Hauck einen schweren Rückfall. Doch im zweiten Anlauf lief es gut. Der 49-Jährige lernt zusehends, wie er mit der Krankheit umgehen kann. In den regelmäßigen Gesprächen mit seinem Therapeuten will er der Depression auf den Grund gehen, in seiner Jugend und Kindheit schürfen, die Wurzeln seiner Ängste begreifen lernen.

Hauck hat die Erfahrung gemacht, dass ihm das Darüber-Reden hilft. Auf der Social-Media-Konferenz „re:publica“ in Berlin hat er im Mai seine Geschichte präsentiert. Das große Feedback hat ihn verblüfft. Auch vor Schülern eines Psychologiekurses am Gymnasium bei St. Michael hat er gesprochen, und er ist an weiteren Schulen eingeladen. Offenbar hilft das Darüber-Reden auch anderen: Neulich habe ihm eine Frau geschrieben, dass sie sich jetzt untersuchen lässt. „Dann hat das Ganze auch einen Sinn“, sagt Sibylle Hauck.

Nicht nur ihr Mann hat mit der Depression zu kämpfen. Die ganze Familie muss mit der Krankheit des Vaters klarkommen. Jahrelang sei über seine Wutausbrüche gerätselt worden. Oft habe sie an sich selbst gezweifelt und gegrübelt, sagt Sibylle Hauck. Bis klar wurde: „Da ist etwas faul.“ Aber: „Der Betroffene muss es auch selbst akzeptieren, dass etwas nicht stimmt“, betont sie. Das Gute bei den Haucks: „Wir konnten immer sehr gut über Probleme reden.“

Das Tückische an der Depression: Man erkennt sie nicht so leicht, „die Symptome sind schwierig“, sagt Uwe Hauck. Immer wieder denke er: „Ach, ich hätte so gern ein gebrochenes Bein – das sieht man wenigstens.“ Über Ratschlag-Sätze wie „reiß’ dich mal zusammen“ oder „treib’ doch mehr Sport“ schütteln die Haucks eher höflich den Kopf. Das mag gut gemeint sein – ist aber wenig hilfreich. Immerhin mussten sie bei Freunden und Kollegen keine Vorurteile erleben, „es war eher Neugier“, sagt Uwe Hauck. So kann man auch ins Gespräch miteinander kommen.

Auch den Kindern – sie sind 17, 14 und 12 Jahre alt – steht Hilfe und Begleitung zur Seite. „Sie gehen ebenfalls sehr offen damit um“, sagt Sibylle Hauck froh. Offenheit und Verständnis sind wichtig. Die Haucks halten fest zusammen und gehen gemeinsam ihren Weg.

Uwe Hauck wurde 1967 in Heilbronn geboren und wuchs in Möckmühl auf. In Osnabrück studierte er Computerlinguistik und künstliche Intelligenz. Er arbeitete in Heidelberg, Möckmühl und kam vor 16 Jahren mit seiner Frau Sibylle nach Hall. Der Software-Entwickler und Blogger ist Vater von drei Kindern – sie sind 17, 14 und 12 Jahre alt. Seine Hobbys sind Radfahren, lesen und schreiben. Über die Geschichte seiner Depression hat Uwe Hauck mittlerweile auch ein Buch geschrieben. Unter dem Titel „Depression abzugeben“ erscheint es Anfang 2017.

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