Wie man zu einer Maskenträgerin wird

Wenn ich wenigstens meine Augen öffnen könnte! Doch der Gips auf den Lidern hindert mich daran. Ich liege auf dem Küchentisch einer Frau, die ich erst vor fünf Minuten kennengelernt habe – eine eigenartige Szene.

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Auf mein Gesicht streicht sie eingeweichte Gipsblättchen. Die Nasenlöcher bleiben frei. Wasser rinnt meinen Hals hinunter. Die Prozedur fühlt sich dennoch entspannend an – weitaus besser als die Vaseline, die ich zuvor auftragen musste. Nach zehn Minuten darf ich meine Gesichtsmuskeln bewegen. Die Maske löst sich erstaunlich leicht. Mit beiden Händen nehme ich sie ab und blicke durch die „Backform meines Gesichts“. „Ein besonderes Gefühl, nicht wahr?“ Es ist die Stimme von Bärbel Gnirke.

Die 54-Jährige war 2005 Gründungsmitglied des Vereins Hallia Venezia und ist bis heute dabei. Vor etwas mehr als zehn Jahren gehörte sie erstmals selbst zu den Maskenträgern, die bei Hallia Venezia schweigend durch die Altstadt streifen – gewandet nach dem Vorbild des venezianischen Karnevals.

Persönliche Beziehung zu allen 20 Masken

Bärbel Gnirke, die in der Haller Kreuzäckersiedlung lebt, erzählt gerne von der „persönlichen Beziehung“, die sie mit jeder einzelnen der 20 Masken führt, die sie bisher für sich angefertigt hat. „Eine Maske vom eigenen Gesicht ist persönlicher als ein Fingerabdruck oder ein Foto. Bevor ich sie verleihen würde, gäbe ich meine Zahnbürste her.“ So habe sie sich neulich nur unter Tränen von zwei Masken mit Gockelfedern trennen können, die von Motten zerfressen worden waren.

Tage später: Heute kleiden wir die „Backform“ meines Gesichts aus, nur dass wir dafür keinen Teig verwenden, sondern Pappmaché, ein Gemisch aus Papierschnipseln und verdünntem Holzleim – die sogenannte Larve entsteht. Die erste Lage Papier entspricht meiner obersten Hautschicht. Hier gilt es, sorgfältig zu kleben, damit keine Luftblasen entstehen. Papierschicht zwei und drei sorgen für Stabilität. Ein Strohhalm – halbiert und in die Maske gesteckt – verhindert ein Schrumpfen beim Trocknen.

Bärbel Gnirke trägt Maske und Gewand nicht nur bei Hallia Venezia, sondern auch zu anderen Anlässen wie kürzlich beim CDU-Neujahrsempfang oder auf der Tourismusmesse CMT. In diesem Jahr fiebert sie zudem ihrer Reise nach Italien entgegen. Für eine Woche wird sie in den venezianischen Karneval eintauchen. Von ihrem jüngsten Besuch im Jahr 2011 sind ihr die Asiaten in Erinnerung, die die Maskenträger von hinten packen und um „Uno Foto“ bitten. Auf den Brücken verjagen die Carabinieri die Menschen mit „Avanti“, damit die Wege nicht verstopfen.

Mit ihrem Wissen und ihrer Art würde die gelernte Elektronikerin und Technikerin gut in eine Heimwerker-Fernsehsendung passen. Aus einem Heizungsisolationsrohr einen Hut machen? Kein Problem. Ebenso wenig wie Fliesen zu legen, eine Holzdecke anzubringen oder aus einer Leiter und zwei Bierkisten eine Eckbank zu bauen. Bei Hallia Venezia jedoch wird aus der zupackenden Frau eine detailverliebte Dame, die sich gerne in Gold, Glitzer und feine Stoffe samt Borten hüllt. „Mal jemand ganz anderer sein, dazu die Ruhe, das ist für mich die Faszination.“ Das Kind in sich hat sie bewahrt, weshalb sie begonnen hat, Kindergeschichten aufzuschreiben. Eigene Kinder hat sie keine. Auch war sie nie verheiratet. „Aber ich hatte immer Nachbarskinder um mich.“

Am dritten Tag wird’s bunt

Nachdem wir die getrocknete Maske aus Pappmaché aus der Gipsform gelöst haben, schneiden wir Augen- und Nasenlöcher hinein. Mit Schleifpapier lösen wir Gipsreste, überstehendes Papier zupfen wir ab und nähen ein Gummiband an. Grundiert wird mit weißer Acrylfarbe. Schwarz geht auch, aber auf Weiß leuchten die Farben besser. Meine Maske erhält einen kupferfarbenen Anstrich und bunte Buchstaben zur Verzierung. Die Augen mit schwarzem Filzstift und die Lippen rot umrandet, eine blaue Borte ums Gesicht geklebt – fertig ist die Maske. Sechs Arbeitsstunden stecken in meiner ganz eigenen „Backform“. Und allmählich verstehe ich, weshalb die Träger zu ihren Masken eine Beziehung entwickeln . . .

Zeitplan Zu Hallia Venezia beginnt das Maskenspiel in der Altstadt am Sonntag, 23. Februar, um 12 Uhr. Ab 14 Uhr präsentieren sich die Masken auf der Treppe vor St. Michael. Um 15.30 Uhr ist der Abschluss auf der Treppe am Froschgraben.

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