Werner Spies plaudert in Hall über Picasso

Um den „Kontinent Picasso“ ging es am Mittwoch in der Kunsthalle Würth. Werner Spies berichtete von seinen Begegnungen mit dem Künstler.

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Der Kunstexperte Werner Spies erinnert sich im Gespräch mit Andreas Platthaus an Pablo Picasso.Foto:  Foto: 

„An Anschaulichkeit wird es nicht mangeln“, verspricht  Andreas Platthaus. Der Redakteur im  Feuilleton der FAZ kennt Werner  Spies schon lange, ist mit ihm befreundet und weiß um die  Überfülle seines Wissens. „Er hat  immer alles parat.“ Deshalb haben sie auch keine Fragen vereinbart, sondern nur abgesprochen,  dass Spies „am Anfang eine Anekdote erzählt. Dass es nicht nur eine wird, wusste ich, aber es waren dann zehn Minuten.“

Der temperamentvolle Einstieg gelingt über eine Projektion des berühmten Gemäldes „Guernica“ (1937) und den Vergleich mit einem Werk des Malers Balduin Grien aus dem Jahre 1545, an dem Spies die Arbeitsweise  Picassos aufzeigt. Die erste Skizze zu „Guernica“ stammt vom 1.5.1937. Die genaue Datierung zeigt, wie Spies später ausführt, dass Picasso an die Nachwelt dachte, seine „tägliche Blutprobe“ in künstlerischer Form abgab, sich also bereits als historische Person sah.

Wie wenig selbstverständlich das lange Zeit war, erschließt sich dem Publikum an der Person von Daniel-Henry Kahnweiler. Dessen fundierte Kubismuskenntnisse und sein eigener exquisiter Kunstgeschmack und Anspruch ließen den Galeristen Picasso entdecken, als dieser an den „Demoiselles d’Avignon“ (1907), heute dem künstlerischen Ausgangspunkt der Moderne, „in einer furchterregenden Einsamkeit“ arbeitete. Alle hätten damals gedacht, Picasso sei verrückt geworden.       Auch für Spies war Kahnweiler ein Türöffner. Er ermöglichte dem jungen, immens fleißigen deutschen Kunsthistoriker ein Treffen mit Picasso. „Das war stärker als jede Liturgie, die ich je erlebt habe.“ Er erzählt: „Als ich ihn das erste Mal in Mougins besuchen durfte, habe ich dem Taxifahrer gesagt, dass ich zu Picasso möchte. Der hat mich komisch angeguckt. Und als das Tor sich öffnete und ich nach drei Stunden wieder herauskam, hat er mir gesagt: ,Normalerweise geht dieses Tor nie auf. Hätten Sie noch Lust zur Begum zu fahren?‘“

Dieser Flash – „niemand aus meiner Generation hat Picasso gekannt“ – brennt alles, was der junge Werner Spies in diesem Zusammenhang erlebt, unauslöschlich in sein Gedächtnis ein.

Platthaus fragt Spies souverän und geschickt nach der französischen Tradition bei Picasso, dessen Rezeption durch die Kubisten und seinem Verhältnis zu dem Gegenspieler Henri Matisse. Cranach kommt ebenso zur Sprache wie die Stammeskunst, die beide eigene Cluster in der Ausstellung „Picasso und Deutschland“ in der Kunsthalle Würth bilden. Und auch da sind die Auskünfte von Werner Spies profund, gespickt mit Namen, Zahlen und Details.

Brigitte Hess ist extra zu diesem Gespräch aus Konstanz angereist. Sie war schon einmal in Hall, um, wie bisher 55 000 andere Menschen auch, die Ausstellung zu sehen. „Dieses direkte Erleben von Herrn Spies“, schwärmt sie. „Als wäre man selbst dabei gewesen. Das war ganz spannend. Zum Beispiel das mit dem runden Kreis.“ Spies erzählt diese Anekdote immer noch höchst erfreut. Picasso habe immer verfolgt, was über ihn in den Zeitungen stand. Nach einer Ausstellung von Spätwerken erläuterte Werner Spies dem Künstler, der die negativen Kritiken gar nicht verstand, wie einige der Besucher regiert hatten. „Die Leute meinen, Sie können nicht mehr anders malen, Sie zittern.“ Um seine ruhige Hand zu beweisen, nahm Picasso spontan einen Stift und malte einen Kreis. In einem Zug, einen vollkommenen Kreis. Für jeden Zen-Buddhisten eine lebenslang geübte und meist nie erreichte Kunstfertigkeit.

„Das war so eindrücklich“, findet Brigitte Hess. „Das ist etwas, was man nicht mehr vergisst. Wenn ich wieder vor der Entscheidung stünde, ich würde noch einmal herfahren.“

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