Wenn Lüge sich an Lüge reiht

Das Haller Amtsgericht hat einen 23-jährigen Rückfalltäter zu mehr als drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der junge Mann hat sich zum skrupellosen Betrüger entwickelt.

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"Ich kenne ihn schon seit langem - seit 2007!" sagt Oberamtsanwalt Walter Petschko und meint den 23-jährigen Angeklagten. Warum der intelligent und gewinnend wirkende S. zum abgebrühten Straftäter geworden ist, bleibt unverständlich. Für Petschko jedenfalls ist das Maß voll: "Jetzt wird nichts mehr eingestellt - jetzt ist der Angeklagte einfach dran!"

Auch der Vorsitzende des Schöffengerichts Dr. Wolfgang Amendt kennt S. schon von früher. Zuletzt hat er ihn im Oktober 2010 wegen zahlreicher Diebstähle und weiterer Straftaten nach Jugendrecht verurteilt. Obwohl ein einjähriger Strafrest ausstand, wurde S. bereits im April 2011 auf Bewährung entlassen.

Zunächst kam er bei seinem Vater unter. Er hatte Arbeit bis Februar 2012. Dann beginnt er ein neues Leben. Er nimmt sich eine Drei-Zimmer-Mietwohnung in Obersontheim. Dank seines geschickten Auftretens zahlt er nicht einmal die Kaution. Der Vermieter bleibt auf einem Schaden von 2000 Euro sitzen.

Im Mai taucht S. für einige Tage nach Teneriffa ab. Seine All-Inclusive-Reise zum Wert von 591 Euro zahlt er trickreich nicht einmal an. Bei seiner Rückkehr steigt er am Stuttgarter Flughafen in ein Taxi und lässt sich bis nach Hall kutschieren. Der Taxifahrer verlangt 176 Euro, S. vertröstet ihn - bis heute.

Inzwischen hat er eine 17-jährige Gymnasiastin als feste Freundin gefunden. Mit ihr zieht er Anfang Juni in eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Haller Altstadt ein. Bei HEM bestellt er einen 3-D-Flachbildschirm für 2900 Euro, der ihm geliefert und angeschlossen wird. S. punktet mit der Lüge, er habe den Betrag kurz zuvor online überwiesen.

Jetzt steht ihm der Sinn nach einem Auto. Einen Führerschein hat er nicht, aber er hat die Freundin, die Ende Juni 18 Jahre alt wird und die als Käuferin eingesetzt werden kann. Gegenüber einem Haller Autohaus gibt er die Schülerin als Angestellte der Bausparkasse aus und fälscht raffiniert zwei Gehaltsabrechnungen. Der Kauf läuft über ein 12000-Euro-Darlehen der Audi-Bank. Mitte Juli fährt er als eingetragener Halter in einem silbernen Audi TT Coupé vom Autohaus weg. Seine Freundin wird das Darlehen bedienen müssen.

Im August heißt es erneut: "Ab in den Urlaub!" Er bucht online all inclusive ein Luxushotel auf Teneriffa. Dieses Mal hat er seine Freundin eingeladen. Fast 3000 Euro kostet der Spaß, aber er wird keinen Cent bezahlen.

Um mit seinem Audi TT herumfahren zu können (immer ohne Führerschein), muss er tanken - und betrügt dabei systematisch. Ab 10. September aber verliert er die Wohnung. 3300 Euro an Miete stehen offen. Mehrere Wochenenden quartiert er sich mit seiner Freundin in hiesigen Hotels ein, beispielsweise im Hohenlohe und im Haller Hof. Bis hin zur Mini-Bar bleibt er alle Kosten schuldig.

In dieser Zeit baut er eine weitere Liebesbeziehung auf. Er findet eine 20-jährige Industriemechanikerin, bei der er einzieht. Sie ist zierlich und fast so langhaarig wie Freundin Nummer Eins. Bei der Neuen sucht er in erster Linie seinen Vorteil. Er räumt ein: "Ich habe sie eigentlich ausgenutzt." Als S. diese zweite Freundin an einem Oktoberwochenende mit Schlägen misshandelt und mit einer Softair-Gewehr bedroht, überspannt er den Bogen. Wenige Tage später wird er festgenommen.

17 Straftaten, ein ganzer Tag Verhandlung: Am Ende fordert Oberamtsanwalt Petschko drei Jahre und zehn Monate Haft. Aber das Gericht honoriert das Geständnis des S. und verurteilt ihn nur zu drei Jahren und drei Monaten.

Mit Tränen in den Augen haben beide Freundinnen, die zunächst nicht viel voneinander wussten, die Verhandlung verfolgt. Beide haben zu verstehen gegeben, sie hätten S. gern gemocht und ihm vertraut. Man darf davon ausgehen, dass ihnen jetzt die Augen geöffnet sind.

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