Wenn Kacheln zu sprechen beginnen

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Ein Vortrag über Ofenkacheln: Kann so etwas spannend sein? Und ob. Mit sichtlicher Freude begrüßt Harald Rosmanitz seine Zuhörer: „Wissen Sie: Wenn Sie über ein Thema wie meins referieren, finden sich nur selten mehr als vier Leute ein.“ Dann nimmt er mehr als ein Dutzend Interessierte im Medienraum des Hällisch-Fränkischen Museums mit auf eine „furnologische Zeitreise“. „Furnus“ bedeutet im Lateinischen „Ofen“. Was von seinen Zuhörern vorher wohl nur wenige wussten: das Haller Museum birgt einen Schatz an historischen Ofenkacheln, über dreihundert insgesamt, „mit Sinn und Verstand gesammelt“, wie der Referent betont. Historische Kacheln, meist in Fragmente zerbrochen, findet man häufig in altem Bauschutt, besonders bei stadtarchäologischen Grabungen. Rosmanitz untersucht und katalogisiert sie – bundesweit.

Wohlige Wärme

Der Kachelofen war die gängige Form der Raumheizung in der Zeit vom Mittelalter bis um 1800. Seine große Beliebtheit rührte daher, dass seine Heizleistung viermal so hoch war wie die des offenen Feuers, zum Beispiel aus einem Kamin. Die Sparsamkeit im Verbrauch war ein wichtiger Faktor in einer Zeit, für die das Holz der alleinige Energieträger war. Zunächst schmucklos hergestellt, wurde der Kachelofen ab dem 14. Jahrhundert zunehmend mit Bildmotiven versehen. Der Herstellungsprozess verlief dabei in drei Stufen: Aus einer Urform, der Patrize, gewann man die Negativformen, bekannt als Matrize oder Model. Mit diesen Formen stellte dann der Töpfer seine Kacheln her. Viele dieser Töpfer waren zugleich als Ofensetzer tätig. Für Hall sind die Standorte von zwei Töpfereien bekannt. Es sollen aber, so Rosmanitz, um die 20 bis 25 gewesen sein.

Schmuck und Belehrung

Beginnend mit der Spätgotik liegt der Schwerpunkt der Haller Sammlung in der Renais­sance und im Barock. Mit der zunehmenden Bebilderung wurde der Kachelofen allmählich zum Statussymbol, das Wohlstand und Schichtzugehörigkeit des Besitzers anzeigen sollte, aber auch seinen Bildungsgrad. Neben historischen und religiösen waren die geographischen Themen dabei besonders beliebt, wie die Haller Exemplare mit den vier damals bekannten Kontinenten zeigen. Wenn die Kacheln glasiert waren, sorgten sie bei Dunkelheit in den Räumen für spezielle Lichteffekte, da sie den Schein der Kerzen reflektierten. In seinem mit zahlreichen Bildern illustrierten Vortrag präsentiert Rosmanitz mitunter Objekte, die ungläubiges Staunen hervorrufen. So zeigt er eine Haller Kachel, die sich an Lukas Cranachs Gemälde „Das ungleiche Paar” aus dem 16. Jahrhundert anlehnt: Ein aufdringlicher, nahezu zahnloser Alter nähert sich einer jungen Frau („Buhlschaft”) in eindeutiger Absicht (Foto). Doch hat er die Rechnung ohne die Wirtin gemacht, denn sie greift kurzerhand in seinen Geldbeutel und bedient sich darin.

Diese für die damalige Zeit ungewöhnlich freizügige Darstellung verfolgte eine Belehrungsabsicht: Aktivitäten dieser Art gehörten in die Ehe, und die sollte möglichst unter (annähernd) Gleichaltrigen geschlossen werden. Cranach war mit diesem Motiv so erfolgreich, dass er es gleich mehrmals malte, auch in der Umkehrung mit einer zahnlosen, anscheinend schwerreichen Alten, die sich mit ihrem prallen Geldbeutel einen jungen Lover zu angeln versucht. Wer sich ein solch teures Kunstwerk nicht leisten konnte, griff eben zur Kachel, wie das Haller Beispiel zeigt.

Metall löst Ton ab

Zurück zum Kachelofen: Er verlor seine Bedeutung um 1800, als die gusseisernen Öfen („Kanonenöfen“) ihren Vormarsch antraten. Damit fiel auch ein Nachteil weg, der den liebenswerten Ton­ofen stets begleitet hatte: Er musste aufgrund seiner starken Verschmutzung alle zwei Jahre zerschlagen und neu aufgebaut werden – ein Grund dafür, dass sein Bilddekor stets von einfacher Machart blieb. Harald Rosmanitz hat sich diese Forschung zur Lebensaufgabe gemacht: Mehr als 60 000 Kacheln in über 500 Museen hat er bisher untersucht.

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