Wegen Nacktfotos vor Gericht

Mit der Drohung, ihre Nacktfotos öffentlich ins Internet zu stellen, soll ein 25-jähriger Ilshofener von seiner Freundin fast 3000 Euro erpresst haben. In der Verhandlung vor dem Amtsgericht blieben Fragen offen.

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Im Sommer 2012 haben sich der Angeklagte und seine spätere Freundin über die Internet-Plattform Instagram kennengelernt. Der junge Mann aus Ilshofen war damals 23, die junge Frau aus Augsburg knapp 20 Jahre alt.

Beide haben türkische Wurzeln, sind aber in Deutschland geboren worden. Sie leben noch bei ihren Eltern, die der Tradition verhaftet sind, sind aber auch in einer modernen, weithin unzensierten Welt zu Hause: im Internet.

"Instagram ist eine Plattform, da kann man Bilder reinstellen und kommentieren", erklärt der beschuldigte Ilshofener vor dem Haller Amtsgericht. Schwarzes Hemd, schwarzes Sakko, blaue Jeans - der gutaussehende junge Mann wusste im Herbst 2012, was er wollte: Fotos von der hüllenlosen Frau. "Ich hab ihr zuerst was geschickt von mir, wo gewisse Stellen frei waren", umschreibt er die Selbstporträts, die er ihr aufs Handy übersandte. Sie bediente ihn mit Nacktbildern und Videos. Der Angeklagte selbst formuliert treffend: "Cybersex!"

Bei seltenen gegenseitigen Besuchen kam es zu echten Intimitäten. Davon durften die Eltern der jungen Frau aber nichts wissen. Der Angeklagte berichtet, seine Freundin habe ihn zuvor monatelang angelogen. Sie habe immer gesagt, sie sei Jungfrau, das habe aber gar nicht gestimmt. Seine Enttäuschung erklärt er vor Gericht in althergebrachter Denkweise: "Unsere Kultur ist halt nicht so frei, sag ich jetzt mal."

Als es zu Differenzen zwischen dem jungen Paar kam - per Telefon, per E-Mail, per SMS - , soll er damit gedroht haben, den Eltern des Mädchens in punkto Jungfräulichkeit reinen Wein einzuschenken. Der Angeklagte bestreitet das ebenso entschieden wie jede andere Beschuldigung. Aber seine ehemalige Freundin belastet ihn. Die inzwischen 21-jährige Zahnarzthelferin ist mit ihrer Tante aus Augsburg per Bahn zum Termin angereist. "Er war mein Freund. Aber mein Freund hat mich erpresst", stellt sie fest.

Die zierliche Frau mit langem schwarzen Haar spricht nicht von Nacktfotos, sondern etwas vornehmer von "Aktfotos". 200 Stück habe sie ihm geschickt. Jeden Tag nach der Arbeit habe er fünf bis sechs Fotos haben wollen. Außerdem habe er verlangt, dass sie ihr Sparbuch plündere. Andernfalls werde er ihre Fotos "hochladen". Die junge Frau sagt empört: "Er wollte zu den Aktfotos Name, Straße und Telefonnummer einstellen!" Fest steht: Im Februar 2013 hat sie ihm 800 Euro und im März 2000 Euro überwiesen.

Verteidiger Andreas Kugel fragt, warum sie die Beziehung erst wesentlich später, nämlich Ende Mai 2013, beendet habe. Da redet sie von "schönen Augen", die ihr der Freund gemacht habe und holt zum Gegenschlag aus. "Wenn Sie eine Frau wären, dann könnten Sie das verstehen", wirft sie dem Haller Anwalt an den Kopf.

Die Vernehmung der munter plaudernden Augsburgerin stimmt Staatsanwalt Tobias Krautwasser bedenklich: "Das Verfahren ist relativ offen." Richter Jens Brunkhorst sieht es ähnlich. Am Ende erklärt sich der Angeklagte bereit, 3000 Euro als Wiedergutmachung an seine Ex-Freundin zu bezahlen. Im Gegenzug will Richter Brunkhorst das Verfahren einstellen.

Die 21-Jährige hat als Zuhörerin den Ausgang des Prozesses verfolgt. Als der richterliche Beschluss verkündet wird, lächelt sie. Sie wird ihr Geld zurückbekommen. Die vielen Aktfotos sind längst gelöscht - neue Bilder wird dieses Paar sicher nicht mehr austauschen.

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