Vor lauter Ästen den Baum nicht sehen

Welche Äste soll ich wegschneiden? Was meint ihr?“, fragt einer der Teilnehmer, den es als ersten erwischt hat. Er steht auf der Leiter und soll an einem Jungbaum üben.

|

Welche Äste soll ich wegschneiden? Was meint ihr?“, fragt einer der Teilnehmer, den es als ersten erwischt hat. Er steht auf der Leiter und soll an einem Jungbaum üben. „Den da?“ „Nein, den!“ „Ich würde diesen wegschneiden!“, raten ihm die anderen. Und genau da steht der ratlose Hobbygärtner vor dem Problem, das so viele kennen. Die Theorie mag klar sein, aber wenn man mit der Schere oder Säge in der Hand vor seinem Baum steht, scheint alles vermeintliche Wissen weg zu sein. Es gilt vielleicht für die Bäume, an denen man geübt hat, aber bestimmt nicht für dieses Astgewusel, was man zu schneiden eben noch motiviert war.

Die gut 20 Teilnehmer im Kurs sind aber größtenteils keine blutigen Anfänger mehr. Fast alle haben schon einmal Bäume geschnitten. Beim Kurs des Haller Landschaftserhaltungsverbandes, geleitet von Hansjörg Winter, hoffen sie, künftig noch mehr Sicherheit am und im Baum zu bekommen.

Die meisten der 20 Teilnehmer sind keine Anfänger mehr

Dann entscheiden sie sich für einen Ast, der nicht das Zeug zum Leitast hast. Zu nah an einem anderen dran, nicht im richtigen Winkel oder zu steil gewachsen. Nach diesen Kriterien wird entschieden. Die Gruppe ist noch auf dem Bauhof in Enslingen und nimmt sich dort einiger Jungbäume an. Das ist um einiges leichter als die Bäume, an denen sie hinterher üben sollen. Nachdem sie zwei höchstens vierjährige Obstbäume geschnitten haben, fahren sie von Enslingen den Berg hinauf auf die so genannte Hochzeitswiese. Brautpaare haben sich hier einen Baum ausgesucht, und dieser wächst und gedeiht dort nun im Zeichen ihrer Ehe. Als Hansjörg Winter an einem sehr schlecht gewachsenen Baum versucht zu retten, was zu retten ist, bemerkt Egbert Seitz, dass diese Ehe wohl gerade generalsaniert werde.

„Es muss Spaß machen!“, hatte ihnen am Vortag, beim Theorie büffeln, der Kursleiter gesagt. Das hat sich der 49-jährige Bühlertanner Egbert Seitz gemerkt. Vor allem aber hätte er gelernt, dass man sich den Baum erstmal anschaut und einschätzt. „Ich habe bisher immer gleich drauflos geschnitten – die hässlichsten Äste zuerst weg. Jetzt habe ich verstanden, dass ich mit den Schönsten anfangen sollte.“

Der kümmerliche Baum ist versorgt. Viele dünne Äste liegen ihm nun zu Füssen und in seiner ausgedünnten Krone stecken Spreizhölzer und Kordeln. Sie erziehen den jungen Baum zu einem guten Wachstum. Sie sorgen für guten Abstand der Äste zueinander.

Sebastian Ewig schaut aufmerksam zu. Der 31-jährige Enslinger arbeitet beim Bauhof und schneidet berufsbedingt Bäume. „Aber da gehen wir ganz anders vor. Wir schneiden, um Lichtraumprofil zu schaffen. Da geht es weniger um Schönheit oder Gesundheit des Baumes.“ Er könnte sein neu erlerntes Wissen gleich anwenden, um seinen Hochzeitsbaum zu pflegen. Denn einer der Apfelbäume auf der Hochzeitswiese gehört ihm und seiner Ehefrau.

„So, wer möchte sich denn jetzt mal an diesem Baum versuchen?“, fragt Hansjörg Winter auffordernd und stellt seine Leiter an einen Apfelbaum, dessen Krone bereits einen Durchmesser von gut vier Metern hat. Die Teilnehmer sind zögerlich. Aus sicherer Entfernung ist es leichter. Nah dran sieht man vor lauter Ästen den Baum nicht mehr. Gemeinsam überlegen sie. Es geht wieder nach dem selben Prinzip: Leitäste auswählen, markieren, Austrieb beurteilen und um zirka ein Drittel kürzen. Und auf die „Saftwaage“ achten, was bedeutet, dass alle Leitäste die selbe Höhe haben. Nach innen stehende Knospen ausbrechen. Seitenäste, je nach Position, wegschneiden oder einkürzen. Der Ast, der die so genannte Stammverlängerung darstellt, wird gekürzt.

In Fleisch und Blut übergehen wird das den Anfängern wohl erst, wenn sie im nächsten Jahr den Baum anschauen und feststellen, was aus ihrem Schnitt geworden ist. Es dauert, bis man die Wuchsgesetze des Baumes versteht.

Alle Leitäste sollten die gleiche Höhe haben

„Man muss auf ein paar Prinzipien achten, das habe ich jetzt verstanden“, bemerkt Karl Simpfendorfer aus Gaildorf. Seit sieben Jahren schneidet er die Bäume seiner Streuobstwiese – mehr oder weniger nach Gefühl. Er ist nicht auf Ertrag aus, „klingt vielleicht ungewöhnlich, aber ich möchte einfach, dass die Bäume schön blühen.“

Raija Weber ist eine der zwei Frauen, die am Kurs teilnehmen. Die Mainhardterin traut sich als Anfängerin unter die Männertruppe. „Wieso denn nicht?“, wundert sie sich. Sie wird eher vorsichtiger ran gehen, meint sie. „Learning by doing“ – so wird's bei der 39-Jährigen gehen.

Nach diesem Tag wird sich zeigen, ob sie der Natur Herr werden und im Astgewirr ihren Weg finden. „Ich habe demnächst Urlaub, dann setzte ich mich einen ganzen Tag in einen Baum“, sagt Egbert Seitz lachend.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Download: Haller Stadträte zum Doppelhaushalt

25 Räte sind dafür – sechs dagegen. Die Reden der Fraktionen zum Haushalt gibt es hier zum Download. weiter lesen