Vor 200 Jahren: Indonesischer Vulkan löst auch in Hall Hungersnot aus

Im April 1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus. Das wirkte sich massiv auf das globale Klima aus. Das mit Sägespänen durchmischte "Hungerbrot" liegt heute noch in der Kirche St. Michael.

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Da hilft nur noch beten: Neben einem Bild einer anderen Epoche steht in St. Michael der Ährenkasten. Die Vitrine beinhaltet Proben der ersten guten Ernte nach der Katastrophe aus dem Jahr 1817 sowie Hungerbrote, die in Folge der Missernte extrem klein ausfallen und mit Sägmehl gestreckt wurden.  Foto: 

"Ich hatte einen Traum, der keiner war. Die Sonne war erloschen, und die Sterne, verdunkelt, schweiften weglos durch den Raum." Jener apokalyptisch anmutende Traum, den der britische Poet Lord Byron im Juli 1816 zu Papier brachte, spiegelt die Hilf- und Ratlosigkeit seiner Zeit angesichts einer verrückt zu spielen scheinenden Natur wider: Der Sommer wollte nicht kommen. Sonne und Wärme blieben aus, stattdessen brachte die Jahreszeit in Süd- und Westeuropa Niederschläge und Frost, was der vornehmen Urlaubsgesellschaft um Byron am Genfer See die Sommerfrische gehörig vergällte. Ungewöhnlich intensive Sonnenauf- und Untergänge vervollständigten das bizarre Wetter, an manchen Orten fiel bräunlicher Schnee. Was diese Wetterkapriolen verursacht hatte, ahnte damals noch niemand. Es war eine Naturkatastrophe vorausgegangen: In Indonesien war im April 1815 der Vulkan Tambora ausgebrochen und hatte gewaltige Mengen an Asche in die Atmosphäre geschleudert. Hunderttausende Menschen starben.

Nach Aschewolke: Frost im Sommer und Dauerregen

Der Ausbruch hatte Folgen: Die ausgestoßenen Schwefeldioxidmoleküle vereinigten sich mit Wasserdampf zu Aerosolen. Von Winden um die Erde getragen, warfen diese einen großen Teil des Sonnenlichtes wieder zurück. Die nördliche Hemisphäre kühlte um ein bis fünf Grad ab. Schon vor dem Tambora-Ausbruch war eine globale Abkühlung zu beobachten gewesen, der Ausbruch jedoch verstärkte diese Tendenz. Die Folgen: In Indien etwa wurde der Monsun gestört, was sich abwechselnde Phasen von Trockenheit und Überschwemmungen verursachte. Im Königreich Württemberg zählte man in den Monaten Mai bis September, also an 150 Tagen, ganze 95 Regentage, was eine Missernte verursachte: Das Getreide konnte nicht ausreifen, musste noch feucht geerntet werden und war anfällig für Fäulnis. Auch die Wein-, Kartoffel- und Bohnenerträge waren reduziert. Der Winter 1816 setzte früh ein und brachte Schnee und Frost.

Infolge der Missernte erhöhten sich die Getreidepreise im süddeutschen Raum bis auf das Dreifache des Durchschnittspreises von 1815. Kostete ein Brot im Oberamt Weinsberg im März 1816 noch 24 Kreuzer, bezahlte man im Dezember schon 46 Kreuzer, im Juli 1817 schließlich 72 Kreuzer. Dabei erhielt man immer weniger Brot für sein Geld: Zeitweise wogen die Wecken nur ein Zwölftel des normalen Gewichts. Und häufig wurden auch diese winzigen "Hungerwecken" wegen Getreidemangels noch mit Sägemehl oder Moos gestreckt. Zu sehen sind die noch in einer Nische in der Haller Kirche St. Michael. Viele Menschen konnten ihr "täglich Brot" bald schlicht nicht mehr bezahlen - sie hungerten und verhungerten schließlich, mussten betteln oder emigrierten nach Nordamerika oder Russland. "Da saßen die Armen frierend und haschten nach Kleie und Mehlstaub, um das elende Leben von einem Tage zum anderen hinüberzuschleppen. Da standen sie und kochten Wurzeln, Gras und Heu zu kraftlosen Suppen, Stroh und Sägespäne sah man mahlen, Pferde schlachten, die unnatürlichsten Nahrungsmittel als die willkommensten Labsale, von wandelnden Gespenstern an sich gerissen", berichtete ein Weinsberger Augenzeuge. Die Sindeldorfer Dorfchronik überliefert, dass Ratten und Mäuse als Leckerbissen galten.

Die Hungersnot traf auf eine von den gerade erst beendeten Napoleonischen Kriegen ohnehin schon geschwächte Bevölkerung, Krankheiten grassierten. Pietisten wie der Herrenberger Johann Michael Hahn predigten ihrer wachsenden Anhängerschaft von einer bevorstehenden Apokalypse - das abnorme Wetter, der farbige Schnee und die farbintensiven Sonnenuntergänge schienen ihm eindeutige Zeichen zu sein, dass sich der Satan, kurz vor dem Weltende, in den "unteren Luftschichten" aufhalte. Das Wallfahrtswesen erblühte wieder, man begriff die Hungersnot als göttliche Strafe für die gesellschaftlichen Umwälzungen, die die Aufklärung mit sich gebracht hatte.

Völlig anders reagierten die kirchlichen und politischen Obrigkeiten: Die Kirchen führten Armenspeisungen durch, das junge württembergische Königspaar Wilhelm I. (1781-1864) und Katharina begegnete der Hungerkrise rational und systematisch, mit einem breiten Maßnahmenkatalog.

Vitrine in Michaelskirche birgt Ähren und Brote

Einen besonderen Fokus legten die staatlichen Maßnahmen auf die Verbesserung der Landwirtschaft. So wurde in den Jahren 1816 bis 1818 eine ganze Reihe von Belehrungen veröffentlicht, die sich an landwirtschaftliche Betriebe richteten und die etwa darüber informierten, wie man die Schnecken mit Kalk "vom Abfreßen der Fruchtkeime abhalten" könne.

Königin Katharina gründete im Jahr 1817 als Reaktion auf die Hungersnot eine "Zentralstelle des landwirtschaftlichen Vereins", die 1818 das erste "Landwirtschaftliche Hauptfest zur Verbesserung der Viehzucht im Königreich" mit Preisen für neue Züchtungen und verbesserte Geräte und Methoden ausrichtete. Noch heute wird das Volksfest "Cannstatter Wasen" gefeiert.

Erst der Sommer 1817 brachte besseres Wetter und Korn in die Speicher, unter Jubel begrüßten die Menschen die einfahrenden Erntewagen. Vergessen wollte man die Hungerjahre 1816/17 jedoch nicht so schnell. Die Menschen bewahrten ihnen ein mahnendes Andenken: In der Schwäbisch Haller Kirche St. Michael befindet sich ein "Ährenkästchen" mit den ersten Ähren der Ernte 1817. Zudem sind vier extrem kleine Brote in der Vitrine im Chor der Kirche erhalten.

Info Autorin Janina Hornung stammt aus Hohenlohe, studiert Geschichte und Germanistik in Tübingen, schreibt für Zeitungen.

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