Gunter Heun: Luke Skywalker ist schuld

Zwischen Judas und Don Camillo: Gunter Heun ist eines der neuen Gesichter im Freilichtspiele-Team. Dennoch ist die Treppe für ihn eine alte Bekannte: Er war vor 20 Jahren schon einmal engagiert.

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Plaudern, schimpfen, flüstern, analysieren: Gunter Heun als „Judas“  Foto: 

Dieses nimmermüde Zweifeln, dieses Bohren in den Fundamenten des Glaubens, dieses schonungslose Selbstdenken: Wenn Gunter Heun in der Urbanskirche in den „Judas“-Monolog von Lot Vekemans eintaucht, nimmt er sein Publikum mit auf eine eindringliche Reise in ein Land voll existenzieller Fragen. Er entwickelt eine berührende Lebendigkeit, die keinen unbeteiligt lässt.

Wenn es um große Rollen geht, vertraue der neue Intendant Christian Doll häufig Gunter Heun, lassen die Freilichtspiele verlauten. „Judas“ gehört zum Winterprogramm der Freilichtspielen. Darin kann man schon einmal jenen Schauspieler erleben, der im Sommer auf der Großen Treppe in die Rolle des Don Camillo schlüpfen wird.

Fester Händedruck, gerader Blick, Konzentration: Ein Gespräch mit dem Hünen gleicht einer kurzweiligen Expedition durch die Weiten bildgewaltiger Wortgewandtheit – mal lustvoll beschleunigend, mal nachdenklich innehaltend, immer wieder erkenntnisreiche Umwege einschlagend, um schließlich wieder auf der Spur zu landen.

In Hall erlebt Gunter Heun eine Art Wiederbegegnung mit den Anfängen seiner Schauspielkarriere. 1997 war er schon einmal bei den Freilichtspielen engagiert. „Ich kam frisch von der Schauspielschule“, erzählt er und erinnert sich daran, wie er damals bei Intendant Achim Plato im Theaterkeller vorsprach. In seiner jugendlichen Unbekümmertheit sei ihm das ziemlich „easy“ vorgekommen. Plato habe ihm seine ehrliche Spiellust wohl angemerkt. Die steilen Stufen vor St. Michael als Bühnenuntergrund hatten auf den Jungspund zunächst keinen Eindruck, „ich bin beim Vorsprechen gar nicht hochgegangen“. Als es ernst wurde, hat sich das schnell geändert: „Ich dachte, diesen Sommer werde ich nicht überleben.“

„Das Ego soll sich nicht zu sehr mit Anerkennung vollsaugen. Distanz ist wichtig.“

Hat er aber doch. Nicht nur im damaligen „Hamlet“-Ensemble, sondern auch seine Rolle als Ko­sinsy in Schillers „Die Räuber“, das als Stationentheater im Freilandmuseum Wackershofen aufgeführt wurde. Mancher Zuschauer von einst mag sich noch an jene Szene erinnern, als einer der Räuber im Hohlweg effektvoll die Böschung hinabstürzte – ohne Verletzung. „Das war ich“, sagt Heun mit spitzbübischem Grinsen. Intuitiv wusste er, „wie man sich weich macht“ – trotz seiner Größe. Außerdem hatte er das richtige Fallen auf der Schauspielschule gelernt. Dass er 1998 nicht erneut nach Hall kam, lag daran, dass er sein erstes Engagement am Deutschen Theater in Göttingen unterschrieben hatte. Nach zwei Jahren ging es weiter – „ich wollte die Nase in den Wind halten“: Gastrollen in Regensburg, Ettlingen, Stuttgart, Oberhausen, Engagements in Wiesbaden und Ingolstadt. Seit 2006 arbeitet Heun als freier Schauspieler.

Und wie kam der gebürtige Hesse, der in Bayern aufwuchs, überhaupt zur Bühne? Zwar gab es eine Tante, die auf der Schauspielschule in Frankfurt unterrichtete. Aber der eigentliche Impuls kam aus dem Kino: Als Achtjähriger sah er Luke Skywalker in „Krieg der Sterne“. Da war’s um ihn geschehen: „Ich wollte so sein, eigentlich ein anderer sein.“ Über einen prägenden Deutschlehrer und dessen „versinnlichten Unterricht“ geriet Heun in die Schultheatergruppe seines Pullacher Gymnasiums und traf auf Gleichgesinnte.

An der renommierten Schauspielschule Ernst Busch in Berlin war er dann einer von 900 Bewerbern. Neun wurden genommen, Heun war der erste auf der Nachrücker-Liste. Dafür hat es an der Neuen Münchner Schauspielschule geklappt. Eine sensible Phase, in der sich ein Selbstbewusstsein entwickelt, in der auch die Erkenntnis reift, „dass sich das Ego nicht zu sehr mit Anerkennung vollsaugen soll“, dass Distanz wichtig ist, erklärt Heun. Von der Methode mancher Alt-68er-Regiestars, die mittels Angst herrschen, und Schauspieler erst „brechen“, bevor sie sie in die Rolle formen, hält der 46-Jährige gar nichts: „Dabei können die Seelen kaputtgehen, und sie werden nie wieder heilen.“

Ganz anders Heuns Zusammenarbeit mit Christian Doll: Die sei durch großes gegenseitiges Vertrauen geprägt, „so etwas muss wachsen“. Freilich könne sich „Chrissi“ in eine Sache auch richtig verbeißen, aber niemals werde er verletzend. Gewiss müsse man sich von einer Rolle „ein Stück weit auch aus der Bahn werfen lassen“, erklärt Heun. Spielen heißt, sich auch auf Unvorhersehbares einzulassen, kontrollierter Kontrollverlust eben.

„Wir haben ja fast eine Berufsehe, wir verstehen uns manchmal auch ganz ohne Worte.“

In Leverkusen haben sich Heun und Doll einst kennengelernt. „In Freiburg habe ich ihm für eine Rolle vorgesprochen“, erzählt Heun. Sie waren auf einer Wellenlänge, „und mittlerweile haben wir ja fast eine Berufsehe, wir verstehen uns manchmal auch ganz ohne Worte“, ergänzt er lachend. Unter Dolls Intendanz in Bad Gandersheim spielte er beispielsweise Titelrollen bei „Tartuffe“ und „Othello“ sowie den Lopachin in „Der Kirschgarten“.

Nun kommt Gunter Heun nach 20 Jahren wieder nach Hall. Eine von „einer Prise Nostalgie“ begleitete Sache, kommentiert er. Und als er im Sommer gemeinsam mit Doll im Biergarten saß, habe er gedacht: „So schön hatte ich es gar nicht in Erinnerung“.

Bei den Freilichtspielen Hall agiert Gunter Heun nicht nur als Schauspieler, sondern auch als künstlerischer Berater. Und aus Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ erstellt er eine Bühnenfassung fürs Haller
Theaterzelt. Doch zunächst stellt er sich in der Urbanskirche mit „Judas“ wieder lustvoll existenziellen Fragen.

Info Morgen, Dienstag, und am Mittwoch, 22. Februar, ist Gunter Heun in der Haller Urbanskirche erneut im „Judas“-Monolog von Lot Vekemans zu erleben. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Weitere Termine sind am 9. und 10. März sowie am 15. April.
www.freilichtspiele-hall.de

Gunter Heun wurde 1971 in Hessen geboren und wuchs in Bayern auf. Sein Studium absolvierte er an der Neuen Münchner Schauspielschule. Nach dem Diplom 1996 führten ihn Engagements nach Göttingen, Regensburg, Stuttgart, Oberhausen, Wiesbaden und Ingolstadt. Seit elf Jahren ist er freischaffend, spielte unter anderem in Leverkusen, Solothurn, bei den Burgfestspielen Interlaken, in Luzern, Neuss, Nürnberg und bei den Domfestspielen Bad Gandersheim. Heun hat eine zwölfjährige Tochter in Regensburg. Mit seiner Frau Sabine lebt er in Bad Homburg. Er schätzt gutes Essen, kocht leidenschaftlich gerne, und pflegt nach eigener Aussage auch „aktives Nichtstun“. blo

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Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall zeigen in ihrer 92. Spielzeit unter anderem Goethes „Wahlverwandtschaften“ und das Reformationsstück „Brenz 1548“. Es ist die erste Saison unter dem neuen Intendanten Christian Doll.

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