Versunkener Weiler im Bühlertal: Warum in Rappolden niemand mehr wohnen wollte

Jahrhundertelang ist Rappolden ein blühender Weiler im Bühlertal. Doch nachdem sich das Mühlrad nicht mehr dreht, geht es langsam bergab. Rappolden wird zum Geisterdorf. Heute steht nur noch eine Scheune.

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Gerade einmal 50 Jahre ist, es her, da herrscht in Rappolden noch reges landwirtschaftliches Treiben. Im kleinen, idyllisch an einem Seitenarm der Bühler zwischen dem Sulzdorfer Ortsteil Anhausen und Vellberg gelegenen Weiler, hat sich 1958 die aus Westpreußen geflohene Familie Lemke eingemietet. Sie haben einen Traktor, zwei Pferde, zehn Milchkühe und Zuchtsauen sowie etliche Ferkel, Gänse und Truthühner. Die Zucht mit 400 bis 500 Hühnern kann sich wahrlich sehen lassen. Der Wasserfall hinter dem Stall dient der Bäuerin als Dusche und die gemächlich dahinfließende Bühler den Kindern als Bad. Doch meistens sind sie bei der Arbeit – beim Melken, Füttern, Auf- und Abladen oder der Geburt von Jungtieren.

Nachdem die Mühle bereits um 1900 defekt ist und nie wieder repariert wird, hatten die Lemkes dem kleinen Vellberger Ortsteil zu seinem letzten Aufschwung verholfen. Doch wie sieht es dort heute aus? Der kürzeste Weg führt von Anhausen aus einige hundert Meter nach Osten über die Wiesen der Bühleraue. Kein Gackern, Schnattern, Grunzen und Muhen ist zu hören – nur Vogelgezwitscher und das Plätschern der Bühler. Von der Mühle sind nur ein paar Steine und rostige Reste des Mahlwerks geblieben, das Ausdinghaus ist komplett verschwunden. Wo einst die Ställe standen, wuchert dichtes Gestrüpp. Lediglich der mächtige Wagenschuppen scheint wie durch ein Wunder der Witterung zu trotzen und begrüßt die wenigen vorbeiziehenden Wanderer.

Schicksal im Jahr 1970 besiegelt

Das Schicksal Rappoldens ist im Jahr 1970 endgültig besiegelt. Die Lemkes wollen nicht mehr in modernere Gerätschaften investieren, geben den Hof aus Altersgründen auf und zurück an den Eigentümer: die Firma Zement Schwenk aus Ulm, die oberhalb des Weilers am Äulesberg Gips abbaut.

Ein weiterer Pächter wird nicht gefunden – wohl auch wegen der bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts miserablen Infrastruktur. Rappolden wurde nie an das Stromnetz angeschlossen und ist nur über Feldwege erreichbar. Während ganz in der Nähe die Autobahn6 und der Flugplatz Hessental gebaut werden, wirkt Rappolden wie aus der Zeit gefallen. Nach 1970 wird der kleine Weiler zum Geisterdorf. An leeren Fensterhöhlen erkennt man, dass dort niemand mehr lebt. 1986 stürzt das dominierende Wohn- und Mahlmühlengebäude, ein Baudenkmal, zusammen. Nun ist der Ort nur noch eine Ruinenhalde. Heute, 2015, eine Wüstung.

Rund 650 Jahre sind vergangen, seit Rappolden im Jahr 1362 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Nach 1600 taucht in Rappolden der in der Region weit verbreitete Name „Mack“ auf. Und mit ihm verbunden ist eine tragische Geschichte. Als Hans Mack Müller zu Rappolden wird, verliert er seinen Sohn Leonhardt im Jahr 1653. Leonhardt war in der Vellberger Mühle unterhalb des Schlosses ins Kammrad gekommen und gestorben.

Friedrich Maaß lebt bis 1874 in Rappolden

In einer Erbschaftsurkunde von 1732 wird neben sieben Erben auch Hans Michel Österlin genannt, er ist fortan neuer Mahlmüller zu Rappolden. Im Jahr 1804 kommt es in der Familie Österlin wieder zu einem Erbfall. Anna Eva Österlin, Ehefrau des Mahlmüllers Johann Michel Österlin, stirbt. Eine amtliche Vermögenszusammenstellung wird erforderlich. Darin findet sich auch die ein Jahr zuvor angebaute Sägmühle und ein Fischwasser, das bis nach Anhausen führt. Im Jahr 1823 stirbt die alte Müllerin Maria Ursula Reinhardt, Witwe des Georg Leonhard Reinhardt, die in erster Ehe mit Georg Michael Österlin verheiratet gewesen war.

Im Jahr 1847 geht die Mühle an Friedrich Maaß aus Ummenhofen. Bis 1874 lebt Friedrich Maaß mit seiner Familie in Rappolden und nimmt mehrere Erweiterungen vor. Bis zu seinem Tod 1874 erwirtschaftet der Müller ein Vermögen von 65.724 Gulden, was nach heutigem Wert etwa 350.000 Euro entspricht.

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