Verflossenes Flussbad

Vom früheren Badeplatz am Untermünkheimer Wehr kündet heute noch das Umkleidehäuschens. Friedrich Krumrein erinnert sich an schöne Nachmittage in der Kocheraue.

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  • Friedrich Krumrein (rechts) und Bürgermeister Christoph Maschke zeigen die Umkleidekabine, die noch heute am Untermünkheimer Wehr steht. Das Gebäude wird nicht mehr genutzt.  1/3
    Friedrich Krumrein (rechts) und Bürgermeister Christoph Maschke zeigen die Umkleidekabine, die noch heute am Untermünkheimer Wehr steht. Das Gebäude wird nicht mehr genutzt. Foto: 
  • Die geschwungene Arkade ist noch ein Originalteil des ursprünglichen Umkleidehäuschens. 2/3
    Die geschwungene Arkade ist noch ein Originalteil des ursprünglichen Umkleidehäuschens. Foto: 
  • Badhäusle am Kocherwehr in Untermünkheim. Historische Aufnahme aus der Sammlung von Friedrich Krumrein. 3/3
    Badhäusle am Kocherwehr in Untermünkheim. Historische Aufnahme aus der Sammlung von Friedrich Krumrein. Foto: 
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Am Wehr rauscht das Wasser in hohem Tempo über die Kante. Der viele Regen der vergangenen Wochen lässt den Kocher als stattlichen Fluss auftreten. Der Platz am Wehr der Untermünkheimer Mühle hat einen eigenen Zauber: Er liegt ganz nah am Ort (neben der Brücke, über die die Bundesstraße 19 führt), und doch erweckt er den Eindruck, als sei man ganz in der Natur, weg von der Hektik des Alltags. Hohe Bäume werfen in der Abendsonne Schatten, die Wiese in der Talaue lädt zum Verweilen ein, das Rauschen des fließenden Wassers beschäftigt nicht nur die Ohren und besänftigt das Gemüt, es zieht auch die Augen in Bann.

Friedrich Krumrein (Jahrgang 1940), Ortschronist der Gemeinde Untermünkheim, kennt den Platz gut. Unterhalb des Wehrs, auf Höhe des Sportplatz am Steinig, hatte er – wie die übrigen Kinder aus dem Ort – das Schwimmen gelernt. Dort, unweit der Rosswette, in die die Pferde im Sommer zum Abkühlen im „Gailbad“ geführt wurden, war das Wasser nicht tief. „Dort haben wir so lange geübt, bis wir einmal über den Kocher schwimmen konnten“, erinnert sich Krumrein. Eine reife Leistung für halbwüchsige Buben, 25 bis 30 Meter breit dürfte das Flussbett sein. Oben am Wehr durften die Buben und Mädchen erst schwimmen, wenn sie wirklich wasserfest waren. „Wir mussten den älteren Jungs beweisen, dass wir schwimmen konnten“, erklärt Krumrein – die Großen wollten schließlich nicht Kinderbetreuung machen, sondern Spaß haben.

Christoph Maschke, Bürgermeister im Ort, ist auch da. Er öffnet die Umkleidekabine, die vor wenigen Jahren von der Gemeinde saniert worden ist und nun verweist am Ufer steht. Die Umkleidekabine sieht von außen wie ein kleiner Holzschuppen aus, der – zum Schutz vor Hochwasser – auf Steine aufgebockt wurde. Über eine einfach zusammenge­nagelte Holzleiter geht es rein. Ein umgefallener, lädierter Holzstuhl und viel Staub sind im Halbdunkel erkennbar. Eine Holzluke im Bretterfußboden ebenso. Friedrich Krumrein taut auf, die freudigen Erinnerungen scheinen ihn nochmal jung werden zu lassen. „Rechts waren Bänke und Kleiderhaken“, erklärt er. Die eine Hälfte war für die Mädchen, die andere für Buben, nur durch  eine einfache Bretterwand getrennt. Durch die Astlöcher ließ sich spickeln, erinnert sich Krumrein schmunzelnd. Eine Zeitlang sei ein Haller Optiker vorbeigekommen, um durch die Astlöcher zu linsen. „Dem haben wir Prügel angedroht“, erzählt Krumrein. „Das war ein Erwachsener!“, stellt er heute noch empört fest.  Der pensionierte Realschullehrer geht zu den Fensterläden und öffnet sie, damit etwas mehr Licht in den Raum fällt. „Das ist noch original“, sagt er und geht auf die Holzsäulen mit den geschwungenen Eckbögen zu. Die Arkaden öffneten früher den Blick zum Fluss, die heutige Bretterwand ist erst später davorgesetzt worden.

Aus drei Metern Höhe springen

Wieder draußen am Wasser erklärt Krumrein, wie das Gelände in den 1950er-Jahren genutzt wurde. Oben am Wäldchen (jenseits der Bundesstraße) haben wir gespielt. „Da gab es Beerenplätze.“ Am Flussufer, wenige Meter von der Umkleide flussaufwärts, war ein Sprungbrett. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Baum, aus dessen drei Meter hohen Ästen die Mutigsten ins Wasser sprangen. Wie tief das Wasser hinter dem Wehr aufgestaut ist, mag Friedrich Krumrein nicht zu sagen. Aber die Höhe des Wehrs kennt er: 1,60 Meter. Durch das aufgestaute Wasser konnten die Buben und Mädchen gut einen Kilometer weit flussaufwärts gegen die Strömung schwimmen, „etwa bis zum Lindenhof“.

Nicht nur Halbwüchsige nutzten den Badeplatz.  Wie Fotos aus der Sammlung von Krumrein belegen, suchten auch ältere Jugendliche und Erwachsene dort Erholung. Und es kamen nicht nur die Untermünkheimer, obwohl in Gel­bingen, Enslingen oder Haagen auch Badestellen waren, kamen etliche Leute von dort zu dem gut ausgebauten Untermünkheimer Badeplatz. Und wie’s so ist, wurden an sonnigen Sommertagen dort vielfach zarte Bande geknüpft. „Ich hab meine Frau hier kennen gelernt“, verrät Krumrein halblaut. Seine Frau Christel – ein Mädchen aus Gelbingen – war auch öfters in Untermünkheim schwimmen gegangen.

Farbige Abwässer im Fluss

Der Badespaß endete in den 1960er-Jahren. Damals wurden noch viele Abwässer aus den Städten und Dörfern, die am Kocher liegen, in den Fluss geleitet. Das Baden wurde verboten. Krumrein und Maschke (der Bürgermeister wuchs in Hall auf) erinnern sich noch gut an das Farbenspiel im Kocher, das damals anzeigte, welche Modefarbe in der kommenden Saison en vogue werden würde – durch die Abwässer der früheren Stofffärberei in Aalen war der Fluss schillernd eingefärbt.

Heute wird die Badestelle noch gelegentlich genutzt. „Sie darf nicht offiziell als Badeplatz ausgewiesen werden“, sagt Maschke. Er könne es auch nicht empfehlen.  Die Wasserqualität sei besser geworden, „ich halte aber Schwimmen im Turbinenbereich für gefährlich.“

Die Umkleidekabinen  in Untermünkheim wurden noch vor dem Zweiten Weltkrieg 1938 gebaut, berichtet  Friedrich Krumrein in seinem Buch „Auslese“, das im vergangenen Jahr zur 800-Jahr-Feier der Gemeinde veröffentlicht wurde. Nachdem bereits im Jahr 1937 die Hitlerjugend ein Sprungbrett erstellt hatte, wollte die damalige Gemeindeverwaltung im Rahmen der „Ertüchtigung der Deutschen Jugend“ den Schwimmsport unterstützen.  Zudem habe sich „schon lange fühlbar gemacht“, so zitiert Krumrein aus dem damaligen Gemeindeprotokoll, dass ein getrennter „Auskleidebereich“ für Frauen und Männer“ fehle.

1952  gründete der frühere Polizist Edmund Wacker in Untermünkheim eine DLRG-Ortsgruppe. Das verschaffte dem Badeplatz am Wehr ordentlich Zulauf. Die Jugendlichen konnten den Frei- und Fahrtenschwimmer-Schein erwerben und den Leistungsschein (heute: Rettungsschwimmer) machen.

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