Vater in Windeln gewickelt

Plötzlich ist der Vater, der immer Vorbild war, in Windeln gewickelt, er schreit, haut und spuckt. Tilman Jens berichtet im Haller Adolf-Würth-Saal vom Verlauf der Demenzerkrankung seines Vaters Walter Jens.

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    Tilman Jens bei der Lesung in der Haller Kunsthalle Würth. Foto: 
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Es ist nicht irgendein Sohn, der hier redet. Weil es nicht irgendein Vater ist, über den gesprochen wird: Es ist der Tübinger Rhetoriker und Intellektuelle Walter Jens. Der freiberufliche Journalist Tilman Jens geht Schritt für Schritt vor, beinahe akribisch, und erinnert in dieser Hinsicht nicht wenig an seinen Vater.

Es sei für ihn ein merkwürdiges Gefühl, aus seinem 2009 erschienenen Buch vorzulesen, befindet Tilman Jens. Er habe von einem Lebenden geschrieben, der heute tot ist. Er schildert einen nächtlich streunenden Vater, dem die Sprache gestorben ist. In Windeln gewickelt. Umsorgt mit Babyfon. "Er schreit, haut, spuckt, wenn er trifft, hat meine Mutter am nächsten Morgen blaue Flecken . . . er kann doch nichts dafür", zitiert Tilman Jens aus seinem Buch. Die Friedfertigkeit des Vaters sei dahin gewesen.

Meine Lieben, es reicht, jetzt will ich gehen

Ein Kranker, der seine Angehörigen nicht mehr erkenne, sei im Sinne des Humanen kein Mensch mehr, zitiert Tilman Jens eine öffentliche Rede seines Vaters aus dem Jahr 1996. Später sei er da viel weniger sicher gewesen: "Meine Lieben, es reicht, jetzt will ich gehen." Nach einer längeren Pause habe der Vater auf einmal lächelnd hinzugefügt: "Aber schön ist es doch." Er wollte manchmal tot sein, ohne zu sterben, kommentiert Tilman Jens.

2003 sieht er seinen Vater auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Das gemeinsam mit seiner Frau Inge geschriebene Buch "Frau Thomas Mann" landet auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste. Höhepunkte sind auch Wendepunkte. Ein halbes Jahr später ist im selben Blatt berichtet worden, der Vater sei mit 17 Mitglied der NSDAP gewesen. Er habe sich zu verteidigen versucht. Miserabel habe er dies getan. "Er hat sich unheimlich geschämt. Ich glaube, dass er ein Stück weit daran zerbrochen ist." Der Vortragende bezieht sich auf die Hirnforschung, wonach dramatische Veränderungen dazu führen könnten, dass Krankheiten wie Alzheimer zum Ausbruch kämen. Tilman Jens jedenfalls sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Spiegelpublikation und der beginnenden Demenzerkrankung. 2005 bereits habe er im Wohnzimmer auf ein Bildnis Fontanes gezeigt und gefragt, wer das sei.

Walter Jens kommt in die Psychiatrie

Im Vorfeld des 80. Geburtstags der Mutter wird es dramatischer. Die Engelsgeduld der Mutter sei gewichen. "Er wird uns alle überleben", zitiert der Sohn sie. Walter Jens wird in die Psychiatrie eingewiesen. 2007 beginnt eine Odyssee durch Kliniken; die Mutter habe sich mit Gewissensbissen geplagt.

Dann kommt es zu einer Veränderung: Die Pflegerin Margit Hespeler übernimmt die Betreuung. Die "Urschwäbin" habe den Kranken so genommen, wie er war. Ein Segen sei diese Frau gewesen. "Privatpflege müsste Standard sein", fordert Autor Tilman Jens.

An den 85. Geburtstag des Vaters kann er sich gut erinnern: "Jetzt rücken die Freunde mit Fresskörben an, früher wurden griechische Verse vorgetragen." Anhand einer Etikette einer Limonadenflasche habe der Vater Lesen geübt. "Ich möchte weinen, mein Vater fühlt sich aber wohl", liest der Sohn vor.

Demenz enttabuisieren

Tilman Jens geht auch auf mediale Kritik seines Buches ein: Warum niemand den Vater vor seinem Sohn schütze, hat damals ein "Zeit"-Redakteur gefragt. Auch von "Vatermord" war die Rede. Eine Zuhörerin fragt neutraler, warum und für wen er dieses Buch geschrieben habe. Jens führt zwei Gründe an: Erstens sei er nun mal Journalist. Zweitens versuche sein Buch, diese Krankheit öffentlich zu machen, aufzuklären und zu enttabuisieren.

Krankheit sei für seinen Vater, der Zeit seines Lebens an Asthma und Depressionen gelitten habe, kein Tabu gewesen. Ein solches Buch zu veröffentlichen, "das geht nur, wenn man zusammen marschiert". Mit seiner Mutter sei er im Konsens gewesen. Jedoch: Nach dem Erscheinen des Buches sei er nicht mehr arbeitsfähig gewesen.

Von seinen etwa 80 Zuhörern in Schwäbisch Hall erhält der seinem Vater in puncto Temperament nicht nachstehende Vortragende sehr viel Zustimmung. "Jetzt wird es greifbar, ein sehr hilfreiches Buch", lobt eine Frau, die ihre an Demenz erkrankte Mutter viele Jahre lang gepflegt hat.

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