Untermünkheimer Arzt Dr. Imanuel Gieck geht in den Ruhestand

Er kennt die Krankheiten und Sorgen der Menschen in und um Untermünkheim wie wohl kaum jemand: Imanuel Gieck. Nach 35 Jahren als Allgemeinarzt hat er sich nun in den Ruhestand verabschiedet.

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Imanuel Gieck hat sich aus seinem "Sprechzimmer 1" verabschiedet.  Foto: 

Das Telefon steht kaum still: Hochbetrieb am Empfang in der Gemeinschaftspraxis. Es scheint so, dass viele Patienten noch einmal bei Dr. Imanuel Gieck vorstellig werden möchten. "Meine Termine sind seit Wochen ausgebucht", sagt der 65-Jährige lächelnd. Gemeinsam mit Dr. Friedrich Kirschbaum und Dr. Manfred Seibert führt er die Untermünkheimer Gemeinschaftspraxis.

Angefangen hat Gieck dort fast alleine. Im Mai 1980 stieg er zunächst beim damaligen Arzt Dr. Schröder ein - der Schwiegervater eines Schulfreundes. "Damals waren rund 800 Patienten in der Kartei registriert", erinnert sich Gieck. Nach einem halben Jahr übernahm er die Praxis ganz und richtete sich in einem Nachbarhaus ein, "damals noch ,Am Berg". Die Patientenkartei wuchs.

Eine treue Mitstreiterin Giecks ist Margot Pfänder. Seit 1982 arbeitet die medizinische Fachangestellte im Anmeldebereich, ist längst zu einer Vertrauensperson der Patienten geworden. Sie geht jetzt zur selben Zeit wie ihr Chef in Ruhestand.

Nach neun Jahren "Am Berg" zog Gieck 1989 um an die Wittighäuser Steige. "Die Parkplatzsituation dort war sehr gut" - das hat ihn überzeugt. Er bekam weiter Zulauf - und ja, die Arbeit in der Praxis, "das war schon wirklich viel für mich", räumt er ein.

Einst, als sein Sohn Elias noch klein war, die Familie beim Abendessen saß, wieder mal das Telefon klingelte und der Vater schnell zum Einsatz musste, sagte der Kleine knapp: "Papa geht heim." Das hat sich Gieck tief eingeprägt. Notfalldienst in der Nacht, die Bereitschaft am Wochenende, "das kostete viel Kraft".

Als Ausgleich entdeckte er das Radfahren für sich. Er gewann ein Rennrad und hatte schnell Blut geleckt. Er traf auf andere radsportbegeisterte Ärzte, die mit der "Tour der Hoffnung" Spenden für krebskranke Kinder sammelten. Seit Jahren ist Gieck mit der Tour in vielen Ländern radelnd unterwegs - von Australien bis Kuba. Im Schnitt fährt er zwischen 6000 und 8000 Kilometer im Jahr. Und auf dem Rad löse er auch manches Problem.

1991 stieg Friedrich Kirschbaum in die Praxis mit ein, 1999 Manfred Seibert. "Zu dritt, das ist eine gute Größe", sagt Gieck, "sonst wird es unübersichtlich und unpersönlich." Seit April hat er eine Nachfolgerin: Anja Feil. "Ich höre erst auf, wenn die Nachfolge gesichert ist", sagt er. Zuletzt arbeitete er reduziert - gewiss auch, um einen Vorgeschmack auf den Ruhestand zu bekommen.

Dennoch: Das Aufhören fällt ihm nicht leicht. Er spricht vom lachenden und weinenden Auge, "wobei momentan das weinende überwiegt - die Patienten sind mir ans Herz gewachsen". Künftig nicht mehr für sie da sein zu können, mache ihm schon zu schaffen. Er erinnert sich an viele Momente in seinem Berufsleben. "Man erlebt wirklich alles", sagt er schmunzelnd. In seiner Anfangszeit bekam er an einem Samstag einen Anruf aus Jungholzhausen: Der Opa habe ein "Schlägle". Gieck machte sich sofort auf den Weg. Vor Ort hatte man mit dem schnellen Erscheinen des Arztes indes nicht gerechnet - offenbar war man anderes gewöhnt. Jedenfalls hatte sich der betreffende Großvater gesagt: "Ach, bis der Doktor da ist, kann ich noch einen Wagen Mist fahren." So war Gieck zum Warten auf den Patienten verdammt, der tatsächlich einen Schlaganfall hatte. "Daran denke ich noch heute, wenn ich durch Jungholzhausen fahre."

Gieck könnte mit Anekdoten locker ein Buch füllen. Aber die Diskretion des Arztes gebietet Zurückhaltung. Zuweilen wird er auf der Straße um Schnelldiagnosen für etwaige Wehwehchen gebeten, "gerne nach dem Sonntagsgottesdienst", sagt er verschmitzt. "Mir war von Anfang an klar, dass ich eine öffentliche Person bin." Und er engagiert sich: Jahrzehntelang war er Kirchengemeinderat, außerdem spielt er in der Tennismannschaft des Tura. "Als Arzt und Christ will ich aktiv sein", bekennt er, "ich bin angetreten, um hier zu leben, und nicht, um nur eine Dienstleistung abzuliefern."

Das klingt nach seinem Vorbild Albert Schweitzer. Dass Gieck Arzt werden sollte, war nicht immer klar. Er ist auf einem Bauernhof in Gerbersheim bei Leonberg aufgewachsen. Wäre es nach den Eltern gegangen, wäre er Landwirt geworden. Bei einer Visitation wurde der Dekan in der Schule auf den Jungen aufmerksam und empfahl, er solle das Aufbaugymnasium in Michelbach besuchen. Er wurde aufgenommen. Weil ihn Medizin interessierte, übernahm er während der Zeit in Michelbach auch Sonntagsdienste im Haller Diak - "Hiwi-Arbeiten als Stationshelfer".

Als Imanuel Gieck 1969 den Dienst an der Waffe verweigerte, musste er sich vor Gericht rechtfertigen: "Fünf Stunden dauerte die Verhandlung", sagt er und erinnert sich dankbar an die Unterstützung seines Religionslehrers Ulrich Lang. Gieck wurde Zivi im Diak, wo er auch seine Frau Annerose kennenlernte. Er absolvierte eine Krankenpfleger-Ausbildung. Später studierte er in Göttingen und München, arbeitete wieder am Diak. Als er in Untermünkheim die Chance hatte, eine eigene Praxis zu führen, griff er zu. Die beiden Kinder Elias und Anemone sollten auf dem Land großwerden.

"Es war die richtige Entscheidung", sagt er rückblickend: "Ich will zu den Leuten aufs Land." Gieck schätzt es, dass man sich kennt. Er kennt zudem die Gesundheit sowie Krankheiten ganzer Familien und Generationen.

Für seinen Beruf braucht es auch menschliche Qualitäten, die richtige Mischung aus Empathie und Distanz - "das lernt man". Immer wieder gibt es schwierige Situationen. Zuweilen muss Gieck sagen: "Ich kann Sie nicht heilen, aber ich kann Sie begleiten." Ehrlichkeit ist ihm wichtig: "Die Patienten spüren schnell, ob sie angelogen werden."

Manchmal sind auch Ärzte machtlos - Gieck kennt das Gefühl. Vor eineinhalb Jahren hat er seine Frau verloren. Es ist das Schwierigste, aber vielleicht auch besonders erfüllend, Menschen in Krisen beizustehen. "Sie nicht alleine zu lassen, ihren schweren Weg erträglicher zu machen", das ist Gieck wichtig.

So ganz aufhören möchte er ja eigentlich nicht. Hier und da könne er schon noch einen Dienst übernehmen, lässt er durchblicken. Aber es gibt ja auch zwei Enkelkinder, die sich darauf freuen, dass der Großvater öfter mit ihnen auf dem selbst restaurierten Schlepper über die Feldwege fährt.

Ein Faible für Oldtimer hat Gieck nämlich auch. Und beim Zurechtfinden im neuen Alltag ist ihm auch seine Partnerin Angela Krause behilflich - Gieck ist vor dem Ruhestand nicht bange.

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