Unsanftes Ende einer Kindheit

Die Württembergische Landesbühne zeigt „Der Trafikant“  in der Ilshofener Stadthalle.

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Wenn sich die Württembergische Landesbühne (WLB) Esslingen daran macht, literarische Prosa in Szene zu setzen, kommt in der Regel sehenswertes Theater dabei heraus. So auch bei der Inszenierung des Romans „Der Trafikant“. Der Autor Robert Seethaler selbst hat die Dramatisierung seines 2012 erschienenen Werks vorgenommen – exklusiv für die Uraufführung der WLB.

Am vergangenen Samstag erlebte das Ilshofener Publikum in der gut besuchten Stadthalle die Sozialstudie im aufgewühlten Wien am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht der 17-jährige Franz Huchel, der sich, aus dem beschaulichen Nussdorf am Attersee kommend, in der Großstadt zurechtfinden muss.

Überzeugend spielt Felix Jeiter den naiven „Burschi“, der in kurzer Zeit so viel lernen muss – über den Handel mit Zeitungen und Tabakwaren, die Liebe, die politischen Entwicklungen, schließlich den wachsenden Hass gegen Juden, der in die Verbrechen des Nationalsozialismus führt. Auch sein väterlicher Lehrherr, der Trafikant Otto Trsnjek, dargestellt von Martin Theuer, wird ermordet – für Franz das jähe Ende seiner unbefangenen Kindheit und Jugend. Vor diesem ernsten Hintergrund gibt es aber auch immer wieder heitere Szenen und witzige Dialoge.

Die schwierige Aufgabe, unterschiedliche Romanschauplätze auf der Bühne darzustellen, löst Regisseur Hans-Ulrich Becker auf einfallsreiche und mitunter skurrile Weise. Zum Beispiel am Anfang, wenn eine Figur namens Preininger – ein Bär von einem Mann – in einem Wassereimer blubbernd sein Leben aushaucht, das eigentlich mit einem Blitzschlag im Attersee endet. Für den Darsteller Antonio Lallo bleiben noch weitere Rollen, in die er als Mann fürs Grobe schlüpfen kann. Ihm gegenüber steht Frank Ehrhardt, der eher die Aufgaben des Feinsinnigen übernimmt.  Sein Highlight hat er mit einer Hitler-Parodie in Anlehnung an Charlie Chaplin.

Er kämpft mit dem Oberlippenbärtchen und zum Ende seiner Hasstiraden auch mit Schaum vorm Mund, bis ihn Ursula Berlinghof als Kellnerin im Varietétheater wie einen Hund an die Leine nimmt.

Dort hat auch Franz Huchels unglückliche Liebe Anezka ihren Wirkungskreis. Die Rolle der frivolen Tänzerin verlangt Nina Mohr ein großes Maß an Freizügigkeit ab. Wichtige Bezugspersonen für Franz sind der schon von Krankheit und Resignation gezeichnete Sigmund Freud, den Peter Kaghanovitch zurückhaltend und sympathisch nachzeichnet, sowie seine Mutter im fernen Nussdorf, mit der er sich rührselige Postkarten schreibt. Sabine Bräuning stellt sie in einer Mischung aus Naivität und mütterlicher Fürsorge dar.

Ein wichtiger Part kommt dem Musiker Steffen Moddrow zu, der mit Instrumenten, Musikeinspielungen und Geräuschen eindrucksvoll für unterschiedliche Stimmungen sorgt. Langanhaltender Applaus belohnte die großartige Ensembleleistung.

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