Tod in der Hitzefalle

Matthias Meißner: Hunde nie im Auto lassen. Fahrzeuge heizen im Schnitt alle fünf Minuten um drei Grad auf.  Seminar bei den Hohenloher Hundefreunden informiert.

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  • Der Hundeexperte Matthias Meißner (links) erklärt einigen Seminarteilnehmern, wie schnell sich ein Fahrzeug aufheizt. Mit auf dem Bild: Amina und Miriam Streichsbier, Vera Machwirth, Debora Neber, Birgit Kandert und Sabine Zaklikowski. In der Hundebox des durchgelüfteten Autos sitzt die Australian-Shepard-Hündin Mira. 1/2
    Der Hundeexperte Matthias Meißner (links) erklärt einigen Seminarteilnehmern, wie schnell sich ein Fahrzeug aufheizt. Mit auf dem Bild: Amina und Miriam Streichsbier, Vera Machwirth, Debora Neber, Birgit Kandert und Sabine Zaklikowski. In der Hundebox des durchgelüfteten Autos sitzt die Australian-Shepard-Hündin Mira. Foto: 
  • Dr. Eva König. 2/2
    Dr. Eva König. Foto: 
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Jeden Sommer dieselben schlechten Nachrichten: Irgendwo in Deutschland stirbt ein Kind, weil Eltern es im überhitzten Auto hatten schlafen lassen. „Oft unterschätzen Eltern, wie schnell ein in der prallen Sonne abgestelltes Auto zum Backofen wird“, sagt Matthias Meißner, Vorsitzender der Hohenloher Hundefreunde in Vellberg. Er hat kürzlich auf dem Platz der Hundefreunde in Großaltdorf ein Seminar darüber abgehalten, welche Folgen es für Hunde hat, wenn sie im überhitzten Auto warten müssen. „Die Leute wissen es immer noch nicht oder unterschätzen es“, sagt Meißner. „Mal kurz was einkaufen, während der Hund im Auto wartet. Und dann steht man als Dritter oder Vierter an der Kasse, während vorne nach Kleingeld in der Börse gekramt wird. Da sind zehn, fünfzehn Minuten, die man braucht, gar nichts.“

51 Grad im Fahrzeug

Doch dass bereits diese 15 Minuten für einen Hund lebensgefährlich werden können, zeigte Meißner den elf Teilnehmern des Seminars. „Selbst bei einer Außentemperatur von nur 20 Grad ist ein Anstieg auf über 30 Grad innerhalb von etwa 15 Minuten erreicht.“ Um die Gefährdung zu verdeutlichen, hatte Meißner einen Kombi mit geöffnetem Kofferraum im Schatten geparkt. Die Außentemperatur dort lag bei 28 Grad. Im Kofferraum zeigte das Thermometer dennoch 30 Grad an, zwischen den Vordersitzen sogar 34 Grad. Ein anderes Fahrzeug stand an diesem Samstag in der Sonne. Die Außentemperatur: 32 Grad. Im Auto wurden 51 Grad gemessen. Als nach einem Regenschauer die Außentemperatur auf 27 Grad absank und die Türen und die Heckklappe geöffnet wurden, blieb die Temperatur lange Zeit bei 41 Grad.

Doch warum wird das für Hunde gefährlich, Menschen macht das doch nichts? Meißner erklärt: Hunde können nur über wenige Schweißdrüsen an den Pfoten schwitzen. Wenn es ihnen zu warm wird, hecheln sie. „Durch Hecheln kann der Hund Temperaturen bis knapp 30 Grad ausgleichen. Bei höheren Temperaturen reicht das Kühlpotenzial der Zunge nicht mehr aus, und der Hund braucht zusätzliche Unterstützung, etwa durch Baden oder Liegen auf kühlem Boden“, so Meißner. Über das Hecheln entsteht Verdunstungskälte – Luft wird über den feuchten Rachen und die Zunge geführt.

„Allerdings geht Wasser verloren und das Blut wird dicker“, weiß Meißner. Ein Liter Körperflüssigkeit kann ein größerer Hund so innerhalb einer Stunde verlieren. Hat der Hund keine Möglichkeit, durch Saufen wieder Wasser zuzuführen, komme es zur Dehydrierung, in der Folge zu Organ- und Herz-Kreislauf-Versagen. „Bereits bei 42 Grad Körpertemperatur besteht für einen Hund akute Lebensgefahr – das sind nur drei Grad über seiner optimalen Körpertemperatur.“

Hund in der Hitzefalle

Drastisch schildert Meißner, was in einem Hund, der in der Hitzefalle festsitzt, abläuft: „Nach nur kurzer Zeit kommt das Kühlsystem des Hundes an seine Grenzen. Das Tier hat Angst, versucht zu entkommen, kratzt an der Tür, jault.“

Sobald die körpereigene Kühlung ausgeschöpft ist, steige die Körpertemperatur. Meißner: „Jetzt spielt der Kreislauf verrückt. Die inneren Organe kommen an ihre Leistungsgrenze. Das Herz rast, die Atmung ist maximal beschleunigt in dem verzweifelten Versuch, mehr Sauerstoff in die Lungen zu pumpen.“Darüber, wie häufig Hunde in Fahrzeugen den Hitzetod sterben, gibt es keine statistischen Daten. „In den Sommermonaten rücken wir aber regelmäßig wegen Hunden im Auto aus“, erklärt Pressesprecher Ronald-Ingo Krötz von der Polizeidirektion in Aalen. Dass Kinder im aufgeheizten, abgestellten Auto sind, komme deutlich seltener vor. Zudem sei es strafbar, Hunde im überhitzten Auto leiden zu lassen: „Dann liegt nämlich mindestens eine Ordnungswidrigkeit oder sogar ein Straftatbestand vor.“

Ein Gespräch mit  Dr. Eva König, Leiterin des Gesundheitsamtes im Kreis Schwäbisch Hall: Warum Kinder nicht im Auto gelassen werden sollten. 

Hunde können in einem aufgeheizten Auto in kurzer Zeit sterben, weil sie nicht schwitzen können. Wie ist das bei Kleinkindern? Schon bei Außentemperaturen von 20 Grad kann die Wagen-Innentemperatur in fünf Minuten auf 24 Grad steigen und nach einer Stunde bei 50 Grad sein. Schon 15 Minuten in der prallen Sonne können für Babys und Kleinkinder lebensgefährlich sein. Im Auto heizen sich die Sicherheitsgurte und die Sitze auf. Es können Verbrennungen entstehen, insbesondere auf nackter Haut. Bei extremen Temperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit, wenig Luftbewegung und großer Anstrengung gelingt es dem kindlichen Körper oft nicht mehr, seine Temperatur herabzusetzen. Die Blutgefäße sind kleine Haargefäße, die noch keine großen Veränderungen ihres Durchmessers regulieren können.  Ab 27 Grad sollten sich Kinder nicht mehr anstrengen, es drohen Hitzekrämpfe und Hitzschlag.

Was empfehlen Sie Eltern, wenn deren Kleinkinder im Auto eingeschlafen sind und die Eltern kurz was erledigen müssen? Das Kind unbedingt mitnehmen und im Kinderwagen schieben.

Was hilft, wenn ein Säugling oder ein Kleinkind tatsächlich zu lange in der Hitze war und benommen wirkt?
Flüssigkeitszufuhr und Waschungen mit lauwarmem Wasser können in einem solchen Fall schnell helfen. Bringen Sie das Kind zudem in ein kühles Zimmer. Bei Babys die Windeln entfernen – diese können einen Wärmestau verursachen. Und das Kind nur leicht zudecken. sel

Symptome deuten. Auf einen möglicherweise drohenden Hitzschlag eines Hundes weist hin, wenn ein Hund im überhitzten Auto unruhig ist, die Zunge weit aus dem vorgestreckten Hals heraushängt, er stark hechelt.

Reagieren. Den Fahrer des Wagens suchen. Gegebenenfalls die Polizei oder Feuerwehr rufen. Wer selbst die Scheibe einschlägt, muss damit rechnen, dass er die Kosten dafür tragen muss. Rechtlich ist das vorsätzliche Sachbeschädigung. sel

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