Süß und bitter wie ein Liebestrank

Stark gesungen, gut gespielt, schlecht ausgesteuert: Beim Musical „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ ist die Einstellung der neuen Tonanlage der einzige Schwachpunkt.

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  • Statt eines erfrischenden Bades nehmen die Schauspieler am Premierenabend von „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall eine kalte Dusche: Es regnet während der ganzen Aufführung. Dass weder die Darsteller noch die Zuschauer dabei ihre gute Laune verlieren, ist ein beredtes Zeugnis für die Qualität der Inszenierung. 1/5
    Statt eines erfrischenden Bades nehmen die Schauspieler am Premierenabend von „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall eine kalte Dusche: Es regnet während der ganzen Aufführung. Dass weder die Darsteller noch die Zuschauer dabei ihre gute Laune verlieren, ist ein beredtes Zeugnis für die Qualität der Inszenierung. Foto: 
  • Jan fühlt sich von Saras Familie umzingelt (links). Nicht mal im Schlafzimmer lässt Saras Vater ihn und Sara in Ruhe (oben). Zwischen Sara und Marco knistert es (Mitte).  Die Nonna hat’s mit der Magie.  2/5
    Jan fühlt sich von Saras Familie umzingelt (links). Nicht mal im Schlafzimmer lässt Saras Vater ihn und Sara in Ruhe (oben). Zwischen Sara und Marco knistert es (Mitte).  Die Nonna hat’s mit der Magie. Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Maria, ihm schmeckt's nicht 3/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Maria, ihm schmeckt's nicht Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Maria, ihm schmeckt's nicht 4/5
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  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Maria, ihm schmeckt's nicht 5/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Maria, ihm schmeckt's nicht Foto: 
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Es regnet und regnet. Zwei Stunden lang, mal stärker, mal schwächer. Es ist Premierenabend für das Musical „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ auf der großen Treppe vor St. Michael. Der Haller Marktplatz sitzt voll von Menschen unter Regencapes. Die Schauspieler können sich kaum vor der Nässe schützen: Auf wochenlange Proben in großer Hitze folgt für sie eine kalte Dusche. Trotzdem kippt die Stimmung nicht, weder bei den Darstellern noch im Publikum. Die Mimen sind in bester Spiellaune, und die Zuschauer lachen gerne über die einstudierten wie auch über spontane Gags, die auf den Regen Bezug nehmen.

„Maria, ihm schmeckt’s nicht“ hat den Weg genommen, der heute hinter sehr vielen Theaterproduktionen liegt: Vom Bestseller-Roman zum erfolgreichen Film und von dort auf die Bühne. Die Haller Fassung des Stoffs von Jan Weiler ist ein Musical von Heiko Lippmann (Komposition und musikalische Leitung) und Max Merker (Buch) mit Liedtexten vom Haller Freilichtspiele-Intendanten Christian Doll.

Zentrales Thema ist das Fremdsein: Der Deutsche Jan und die Deutsch-Italienerin Sara wollen heiraten. Saras Vater Antonio verfügt, dass die Hochzeit in Italien gefeiert werden muss. Dort lauert eine Großfamilie und piesackt „die Kartoffel“, wie die Cousins und Cousinen Jan nennen, mit Sticheleien. Jan will abhauen – doch der Schwiegervater kommt einfach mit. Unterwegs erzählt er Jan von seinem eigenen Ankommen vor Jahrzehnten als „Gastarbeiter“ in Deutschland, von den Erniedrigungen, die er erdulden musste, und wie er versuchte, sie mit Heiterkeit zu überspielen.

Die Haller Inszenierung nimmt die komödienhaften Elemente mit sehr viel Musik und Tanz auf. Doch sie hat auch einige Momente des Innehaltens, innig und nachdenklich gesungene Lieder, die bei der Premiere regelmäßig Szenenapplaus ernten.

Die Schauspieler sind hervorragend, allen voran Anton Rattinger als Antonio, der zunächst gleichzeitig aufdringlich und völlig unnahbar wirkt, dann aber mit seinem eigenen Schicksal als Fremder, der sich irgendwie einfügen muss, berührt. Rattinger hat sich dafür einen goldigen italienischen Akzent zugelegt, der immer wieder von den anderen Darstellern persiflierend aufgegriffen wird. Sein Antonio kann im Wortsinne ein Lied davon singen, wie es den „Gastarbeitern“ der 1960er-Jahre in Deutschland ging und wie es auch heute noch vielen Migranten in vielen Ländern geht: Schlecht bezahlte Arbeit, keine Chance bei der Wohnungssuche, Anfeindungen, Einsamkeit. Antonio schluckt vieles runter und wird dabei kauzig. Dem gibt Rattinger sehr glaubhaft Ausdruck.

Jan schliddert völlig unvorbereitet in die Situation hinein, der Fremde zu sein. Nikolaj Alexander Brucker ist am Anfang ganz der glücklich Verliebte, dem die Welt offensteht. Aber in Italien angekommen, fühlt er sich Saras Familienangehörigen ausgeliefert, die ihm dauernd etwas zu Essen aufdrängen wollen und sich über seine helle Hautfarbe lustig machen. Auch das weiche Bett geht diesem Jan auf die Nerven, er schläft lieber auf einer Luftmatratze, einem Bade-Spielzeug in Form eines Krokodils. Und das führt wiederum zu Verwerfungen mit der Familie: „Ich habe die ganze letzte Woche auf einem Krokodil geschlafen“, klagt Jan übermüdet, und die Nonna fragt Sara bissig: „Meint er dich?“ Brucker spielt mit hoher Präsenz und viel Ausstrahlung.

Ebenso Jeannine Michèle Wacker als Sara. Sie wird von der fröhlichen, emanzipierten jungen Frau zurückgeworfen in die Situation eines Kindes, über das andere entscheiden. Dazu kommt, dass Sara in Italien ihre Jugendliebe wiedersieht, ihren Cousin Marco. Zwischen ihr und dem Frauenhelden knistert es noch gewaltig. Wacker kann die Zerrissenheit ihrer Sara offenbar gut nachempfinden.

Großen Respekt verdient Christine Dorner als Nonna, zu Deutsch Oma. Sie spielt nicht nur eine alte Frau, sie ist eine alte Frau. Trotzdem läuft und tanzt sie agil über die Treppe. Ihre Nonna hat nicht vergessen, wie reizvoll die Erotik für sie immer war. Sie ist schelmisch und auch verschwörerisch: Gemeinsam mit Saras Mutter Ursula versucht sie, einen Liebestrank zu brauen. Die Zutatenliste ist abenteuerlich. Unter anderem soll Maggi rein. „Maggi?“, fragt die Nonna ungläubig. Und Ursula antwortet überzeugt dichtend: „Klar, Maggi. Ein bisschen Magie schadet nie.“ Das findet die Nonna ja nun auch, besonders, wenn die Magie dazu dient, dass sich die Tränen des Pater Pio in Grappa verwandeln – alles in allem eine lebenslustige Person. Christine Dorner erntet beim Schlussapplaus einen Extra-Jubel.

Alle Darsteller sind auch sehr gute Musical-Sänger. Und die Komposition von Heiko Lippmann bietet auch einige Freuden, schöne Melodien, gewaltige, quasi filmmusikalische Einwürfe des Orchesters, einen Posaunenchor zur Trauerfeier für den verstorbenen Großvater. Es ist ein vielseitiger Soundtrack, der von den insgesamt 20 Musikern auch sehr schön umgesetzt wird.

Allerdings ist die Akustik höchst problematisch. Insbesondere am Anfang, solange eine große Hauswand als Kulisse auf der Treppe steht und den Schall zwischen sich und dem Rathaus hin- und herwirft. Man versteht weder gesprochenen noch gesungenen Text, weil alles mehrfach mit verschiedenen Zeitverzögerungen über den Marktplatz wabert. Zudem ist die Anlage die ganze Aufführung über zu laut eingestellt. Die schöne Stimme von Jeannine Michèle Wacker etwa erklingt da oft schrill. Man kann hoffen, dass das Technik-Team der Freilichtspiele mit weiteren Erfahrungswerten künftig besser justieren kann.

In der Ausstattung von Kati Kolb spielen große Tücher eine wichtige Rolle. Sei es als Riesen-Tischtuch, sei es als Meer, diese Textilien wirken sehr ansprechend auf der Weite der Treppe. Ansonsten ist das Bühnenbild eher sparsam, von der erwähnten Hauswand abgesehen. Diese wird quasi atemberaubend, als sie plötzlich umgestoßen wird: Die weht am verregneten Premierenabend den Zuschauern in den ersten Reihen einen gewaltigen Gischt-Stoß ins Gesicht, so dass einige erst mal nach Luft schnappen müssen.

Nach einem langen Schlussapplaus gehen die Premierengäste nass und ein bisschen ausgekühlt, aber frohgemut vom Platz. Bei besserem Wetter ist dieses Stück sicher ein Gute-Laune-Garant.

Weitere Aufführungen des Musicals „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ sind am 4., 5., 6., 7., 13., 14., 15., 16., 18., 19. und 20. Juli sowie am 5., 6., 8., 9., 10., 11., 12., 23., 24. und 25. August jeweils ab 20.30 Uhr auf der großen Treppe vor St. Michael in Schwäbisch Hall.

Künstlerische Leitung Regie: Thomas Winter; musikalische Leitung: Heiko Lippmann; Choreografie: Christopher Tölle; Ausstattung: Kati Kolb; Dramaturgie: Florian Götz

Darsteller Antonio Marcipane (Saras Vater): Anton Rattinger; Jan: Nikolaj Alexander
Brucker; Sara: Jeannine Michèle Wacker;
Ursula (Saras Mutter): Kerstin Marie Mäkelburg; Nonna (Großmutter): Christine Dorner;
Marco: Gerd Achilles; Junger Antonio und andere: Vasilios Manis; ein 13-köpfiges Musical-Orchester plus sieben Blechbläser.

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Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall zeigen in ihrer 92. Spielzeit unter anderem Goethes „Wahlverwandtschaften“ und das Reformationsstück „Brenz 1548“. Es ist die erste Saison unter dem neuen Intendanten Christian Doll.

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