Süchtig nach guten Motiven

David Grigoryan kommt aus Odessa und lebt für die Fotografie. Er macht Bilder auf der Straße, heitere und auch rührende Szenen. Sie sind in einer Ausstellung in der Haller U-Bar zu sehen.

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David Grigoryan zeigt auf eines seiner Fotos. Der Künstler ist immer auf der Suche nach einmaligen Momenten. Über einen Freund ist der 29-Jährige nach Hall gekommen, wo er seine Bilder ausstellt.  Foto: 

Kaum ein Tag vergeht, an dem David Grigoryan nicht mit seiner Kamera durch die Straßen der ukrainischen Hauptstadt spaziert. Nicht abzustellen ist sein Blick für gute Motive. Er sieht sich die Menschen an. Was tun sie?

Er sieht einen Passanten mit einem riesigen Paket Klopapierrollen – geknipst. Er beobachtet ein Paar, das sich am Strand gegenübersteht, sie hat ein Handtuch vor dem Gesicht – geknipst. Ihm läuft ein Hund vor die Fotografenflinte, am Halsband steckt ein Plastikhuhn – geknipst.

David Grigoryan ist zur rechten Zeit am rechten Ort, als ein Mann einen anderen alten Mann im Rollstuhl vor sich her schiebt. Er begegnet einem Kind, dass einen Kinderwagen fortbewegt  – ein rührendes Bild entsteht. „Wenn Sie es betrachten und dabei Tränen in die Augen bekommen, dann ist es mir gut gelungen“, sagt der 29-Jährige. Was ihn antreibt, ihn nahezu süchtig macht, ist die Suche nach Momenten, die einmalig sind.

Jetzt traut er sich heran

Aber nicht jeden Tag gelingt es ihm, sein Objektiv auf die Leute zu halten. Seine Stimmung muss entsprechend gut sein, sonst verlässt ihn der Mut. Als er vor sieben Jahren mit der Straßenfotografie begann, hatte er noch viel Abstand zu seinen Motiven. Jetzt traut er sich näher heran. Dafür hat er auch schon mal einen Schlag von einer älteren Dame gefangen, plus einen Hieb mit ihrem Stock.

Durch sein Streunen durch die Straßen kennt er seine Stadt, in die er als Sechsjähriger mit seiner Familie aus dem Krieg in Georgien floh, sehr gut. Auch viele Menschen sind ihm vertraut. Einige davon sind Obdachlose. Vor den heiteren Bildern, die jetzt in der Haller U-Bar ausgestellt sind, fing er eher negative Situationen ein: Menschen, die auf der Straße leben, Armut, Alter, deprimierte Gesichter. „Ich musste damit aufhören, damit ich nicht selber traurig wurde.“

Touristenführer und Vegetarier

In Odessa lebe es sich prinzipiell gut. Von den Aufständen im Osten des Landes bekommen die Bewohner nichts mit. Viele Touristen kommen, er führt sie durch die Stadt. Das ist sein Job, außerdem arbeitet der Vegetarier an einem Stand auf Streetfood-Festivals. Diese kleinen Jobs macht er, damit er weiter mit seiner analogen Kamera fotografieren kann. Filme kosten Geld. Schwarz-Weiß Bilder entwickelt er selber.

In Hall ist Grigoryan jetzt durch seinen Freund Miro Ruff. Die beiden lernten sich in Odessa beim Skaten kennen. Schon zum zweiten Mal stellt der Fotograf in der U-Bar aus. Auch in Stuttgart und Heilbronn durfte er seine Fotografien zeigen. In Deutschland werde seine Kunst finanziell unterstützt, so dass er es sich leisten kann, die Bilder für eine Ausstellung vorzubereiten.

Gesichter sind zu freundlich

In Hall zu fotografieren, das fällt dem geborenen Armenier schwer. Hier seien die Gesichter zu freundlich. Wenn man lächelt, lächeln sie zurück. In Odessa dagegen sind die Menschen, wie sie sind: traurig, müde, aggressiv, arm – und sehr fotogen.

David Grigoryan (29), Armenier, lebte bis zum sechsten Lebensjahr in Tiflis,  Georgien. Dann floh die Familie vor dem Krieg in die Ukraine. Er lernte Restaurator, arbeitete, aber der Lohn blieb aus. Nun jobbt er, skatet, fotografiert. Die Ausstellung ist bis Freitag, 23. Juni, in der U-Bar zu sehen – mittwochs bis freitags ab 19 Uhr. sasch

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