Statt Gewalt: Mitgefühl

Trotz beunruhigender Entwicklungen in Tibet äußert der Botschafter des Dalai Lama in Hall Hoffnung auf einen friedlichen Weg zur Befreiung seiner Heimat.

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Barbara Bäuer von der Haller Tibet-Initiative und der Leiter des Hällisch-Fränkischen Museums, Armin Panter, mit Kelsang Gyaltsen (links), Botschafter des Dalai Lama in Europa.  Foto: 

Das 1949 von China in einer blutigen Militäraktion zwangsannektierte Tibet gehört nicht zu den Krisenherden auf der Welt, die im Fokus des öffentlichen Interesses stehen. Große Aufmerksamkeit genießt allerdings der Dalai Lama, das Oberhaupt der von China nicht anerkannten, tibetischen Exilregierung, die seit 1959 ihren Sitz in Indien hat.

„Friedlichen Widerstand leisten“ – so lautet gemäß der buddhistischen Lehre das Credo des mittlerweile 82-jährigen geistigen Führers. Sein politischer Vertreter in Europa ist Kelsang Gyaltsen. Er hat den Weg ins Hällisch-Fränkische Museum gefunden, um dort mit den Mitgliedern der Tibet-Initiative Schwäbisch Hall in Kontakt zu treten. „Ihr Interesse ist für uns so wichtig“, sagt er beschwörend, „die Menschen in Tibet sind in einer Notlage, und es ist wichtig für sie zu wissen, dass die Welt sie nicht vergessen hat.“

Flucht im Alter von acht Jahren

 Die tibetische Kultur, Sprache und Identität werde von China zunehmend gewaltsam ausgelöscht, berichtet der 66-jährige Gyaltsen, der als Achtjähriger mit seiner Familie aus Tibet floh und seither in der Schweiz lebt.

In der tibetischen Hauptstadt Lhasa seien die Chinesen durch Zuwanderung mittlerweile deutlich in der Überzahl: „Wer hier nur die tibetische Sprache beherrscht, hat keine Chance, Arbeit zu finden.“ Tibetische Klöster, die traditionellen Bildungsstätten des Landes, würden von China systematisch ausgerottet. Gyaltsen warnt vor der Umweltzerstörung, die von der chinesischen Regierung durch Waldrodungen, den Bau riesiger Staudämme und der Plünderung der Bodenschätze betrieben werde. Die Umweltsituation auf dem zentralasiatischen Hochplateau habe Auswirkungen auf ganz Asien.

Die schwierige Situation in Tibet werde durch eine tragische Form des Protestes belegt: Seit 2011 hätten sich 146 Einheimische in Tibet öffentlich selbst verbrannt. „Das sind Studenten, Mönche, Nonnen, Mütter, Nomaden und Geschäftsleute, also Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft.“ Der letzte Vorfall dieser Art habe erst im März dieses Jahres stattgefunden. „Es war ein 24-jähriger Mann“, sagt Gyaltsen, dem es sichtlich schwer fällt, über dieses Thema zu sprechen, „in der Geschichte Tibets und des Buddhismus kennen wir so etwas nicht, das ist eine Neuerscheinung.“ Denn auch Gewalt gegen die eigene Person sei nicht mit der buddhistischen Lehre vereinbar.

„Wären diese Menschen Selbstmordattentäter, die chinesische Einrichtungen in die Luft gesprengt hätten, wäre ihnen die weltweite Aufmerksamkeit sicher,“ stellt der Exil-Tibeter bitter fest, „aber so war fast nichts in der europäischen Presse über dieses Geschehen zu lesen.“ Weil von der tibetischen Bevölkerung keine Gewalt ausgehe, würde jeder glauben, dass die Situation im Land nicht dramatisch sei. „Auf diese Weise ermutigt man doch alle Menschen, die verfolgt und unterdrückt werden, zum gewaltsamen Protest.“

Gegen Gewalt

Der Dalai Lama selbst habe deutlich Position zu der Entwicklung bezogen: „Wenn die Mehrheit der Tibeter zum gewaltsamen Widerstand übergeht, wird er dafür keine Verantwortung übernehmen.“ Gewalt sei eine Kraft, die sich nicht kontrollieren ließe, selbst wenn sie eingesetzt werde, um etwas Schlimmes zu verhindern: „Ein durch Gewaltanwendung scheinbar gelöstes Problem erzeugt stets neue, andere Probleme. Das können wir überall auf der Welt beobachten.“ Der Dalai Lama habe den Glauben an eine friedliche Lösung des Tibet-Konflikts nie aufgegeben.

„Gefährliche Momente“

Kelsang Gyaltsen erzählt eine Geschichte, die zeigt, wie weit die restliche Welt von buddhistischen Grundsätzen entfernt ist. Ein tibetischer Mönch, den die chinesische Regierung 18 Jahre lang unter grausamen Bedingungen inhaftiert hatte, soll dem Dalai Lama gegenüber geäußert haben: „Es gab sehr gefährliche Momente in dieser Zeit.“ Was in diesen Momenten denn passiert sei, wollte Lama wissen. Die Antwort habe gelautet: „Ich war manchmal kurz davor, mein Mitgefühl für die Gefängniswärter zu verlieren.“

Die Regionalgruppe Schwäbisch Hall/Hohenlohe der Tibet Initiative Deutschland wurde 1997 gegründet. In der Haller Innenstadt versuchen die Mitglieder regelmäßig auf die bedrohliche Situation in dem zentralasiatischen Land aufmerksam zu machen. Bei regelmäßigen Treffen wird über die neuesten Entwicklungen in Tibet und anstehende Aktionen im Landkreis gesprochen. Es gibt auch die Möglichkeit, an einer wöchentlich stattfindenden Meditationsgruppe teilzunehmen. Mehr im Internet: www.tibet-schwaebisch-hall.de. cito

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