Sprinter auf der Langstrecke

„Warte nicht auf bessere Zeiten“: Der Liedermacher Wolf Biermann lässt in Schwäbisch aus seiner Biografie lesen, rezitiert, erzählt und beantwortet Fragen des Journalisten Andreas Oehler.

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Er hat schon schwierigere Auftritte absolviert. Im Internet, das nichts vergisst, kann man ihn sehen, singend, kämpfend, polternd, giftend – und immer wieder aktualisierte Kommentare und Beschimpfungen lesen, die zeigen, dass sich manche immer noch an ihm abkämpfen. Am Mittwochabend läuft Wolf Biermann durch die ausverkauften Reihen im Zeughaussaal des Haller Neubau, hüpft voller Elan auf die Bühne, streift die Lederjacke ab und stellt sich breitbeinig, breit grinsend dem warmen Applaus. Es wird keinen Streit geben an diesem Abend.

80 Jahre alt ist Wolf Biermann im vergangenen November geworden, „und wir sind auch alle alte Säcke“, raunt ein Besucher mit Blick aufs Publikum. Was so nicht ganz stimmt – man kann auch einige junge Gesichter entdecken, und am Ende des Abends sieht man sie leuchten.

„Oh, da hat man gelauscht“

Als Person der Zeitgeschichte erscheint Biermann in Hall, als einstiger Protagonist, der nun vor allem zurückblickt in eine Zeit, als er im Auftrag von Mama Emma noch dichtend und singend für den Kommunismus und gegen die Kommunisten eintrat. Geschützt durch seine Popularität im Westen, genährt von Freunden aus Ost und West und von der GEMA, die Tantiemen überwies, trieb er, „als ich verboten war“, die SED-Genossen im Politbüro zur Weißglut.

1976 wurde Biermann eine Tournee in Westdeutschland gestattet, und als er hüben war, bürgerte man ihn aus. Manchmal, erinnert sich ein Besucher, der die DDR noch erlebt hat, habe man eine Biermann-Kassette zugesteckt bekommen. Und senkt andächtig die Stimme: „Oh, da hat man gelauscht.“

Schreiben und Lernen

Nun hat Wolf Biermann mit „Warte nicht auf bessre Zeiten“ seine Biografie geschrieben. Reichlich spät, vermutlich aber nicht zu spät. Schon vor 40 Jahren, sagt Biermann, habe der Schriftsteller und Psychologe Manés Sperber ihm dazu geraten. Man müsse seine Autobiografie schreiben, solange man noch selbst davon lernen könne.

Was ihn abhielt, will der Journalist Andreas Oehler wissen, der den Abend moderiert. „Ich bin ein Sprinter“, sagt Biermann, ein Mann der kurzen Form also. Er hänge „hysterisch am einzelnen Wort“. Gute, nackte Prosa sei schwerer als Dichtung: Die schreie zwar auch immer „Ich!“, aber bei der Prosa „gibt’s keine Ausreden“.

Manuel Soubeyrand sitzt noch mit auf der Bühne. Der Schauspieler, Intendant und Regisseur ist der Sohn der Schauspielerin Birgitte Soubeyrand, die der noch nicht Zwanzigjährige Biermann 1957 am Berliner Ensemble kennengelernt hat. Drei Monate alt sei Manuel gewesen, „als ich sein Vater wurde“, sagt Biermann.

Der geschulte Sprecher Soubeyrand, ältester von sieben Söhnen und drei Töchtern Biermanns, übernimmt an diesem Abend den Part des Vorlesers und erweckt die Biermannsche Prosa zum Leben. Zu hören sind Schlüsselgeschichten, beispielsweise von einem Besuch im Arbeitslager, in das die Nazis den Vater gesteckt hatten. Und eine Schilderung des Feuersturms 1943 in Hamburg, den Wolf und Emma Biermann knapp überlebten – große Literatur.

Gesungen wird nicht. Das heißt: Wenn Biermann Gedichte rezitiert, drängt sich der Sänger in ihm unweigerlich nach vorne. Vom Band aber erklingt eine Preziose, heimlich aufgenommen mit Jazzmusikern der DDR in Biermanns Wohnung: „Und doch die Hundeblume blüht, auch in der Regenpfütze.“ Der Schlagzeuger Günther Baby Sommer nutzt für die Ausrufezeichen eine Blechkiste, die er auf den Boden haut, und die Flöte spielt möglicherweise der „Allesbläser“ Ernst Ludwig Petrowsky – die Namen auf dem Cover zu nennen verbot sich.

Vom Band erklingt auch der wohl erste Literaturskandal der DDR. Bei einem von Stefan Hermlin organisierten Vortragsabend mit jungen Lyrikern liest Biermann das  Gedicht „An die alten Genossen“, das ihm den Vorwurf der politischen Unreife, der konterrevolutionären Umtriebe und freundliche Gespräche mit Margot Honecker einbrachte. Mama Emma hatte die Genossin Ministerin brieflich darum gebeten.

Ein „Jahrhundertroman“

Oehler muss nicht viel fragen. Biermann hat viel zu berichten, zu rezitieren und zu erklären. Er springt oft auf und fuchtelt, er witzelt, lästert, erzählt Schelmengeschichten und Absurdes über die Stasi und ihre schmutzigen Methoden. Und er spricht über die Angst, die er hat, „aber sie hat nicht mich“ und gesteht seine Eitelkeit ein, „aber die Eitelkeit hat nicht mich“.

Futter für Biermanns Eitelkeit dürfte auch Oehlers hintergründige Bewertung sein. Er bezeichnet „Warte nicht auf bessre Zeiten als „Jahrhundertroman“ und  formuliert damit unausgesprochen jene Fragen, die alle Autobiografien begleiten: Was ist erlebt, was überliefert, was fabuliert und was verklärt? Und von Biermann kommt dann auch so etwas wie eine unausgesprochen Antwort: die  „Bilanzballade im achtzigsten Jahr“. Darin knirschen die Knochen und an dieser Stelle muss der Dichter auch schon unterbrechen: Das sei nicht wahr, sagt Biermann, bei ihm knirsche noch gar nichts, er habe nur einen guten Reim auf „Kirsche“ gebraucht.

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