Schwiegermuttertest bestanden

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Zur Lesung im Adolf-Würth-Saal gönnt sich der österreichische Autor Franzobel ein selbst mitgebrachtes Dosenbier.  Foto: 

Es ist eine wahre und furchtbare Geschichte, die diesem Buch zugrunde liegt. Der Schriftsteller Franzobel hat sich in seinem Roman „Das Floß der Medusa“ mit einer historischen Tragödie auseinandergesetzt: Im Juli 1816 kam es vor der mauretanischen Küste zum Schiffbruch der französischen Fregatte Medusa. 15 von 150 Seeleuten überlebten auf einem Floß, weil sie sich von Menschenfleisch ernährten. „Franzobels Roman erzählt in großen Bildern und mit sagenhafter Konsequenz, wie ein Schiff, das sich Medusa nennt – in Wahrheit aber „unsere Gesellschaft“ heißt – seinem Untergang in Dekadenz und Barbarei entgegensegelt“, urteilte Thea Dorn, Mitglied der Jury des Bayerischen Buchpreises. Diese Auszeichnung hat Franzobel vergangene Woche erhalten.

Tags darauf ist der Bachmann-Preis-Träger von 1995, dessen fast 600 Seiten starkes Werk heuer unter den sechs Finalisten des Deutschen Buchpreises war, im Adolf-Würth-Saal in Hall zu Gast. Mehr als 100 Zuhörer sind gespannt auf die Einblicke, die Franzobel in seinen abgründigen Roman gewährt. Immerhin habe er drei Jahre daran gearbeitet, wie die stellvertretende Museumsleiterin Beate Elsen-Schwedler in ihrer Begrüßung anmerkt. Anstatt eines Wein- oder Wasserglases packt Franzobel eine Bierdose auf den Tisch, lässt sie mit einem spitzbübischen Lächeln zischen und steigt mit österreichischem Schmäh in die Lesung ein.

Ein Gemälde des Grauens

Schnell wird klar: Es geht tief hinein in die düstersten Ecken der menschlichen Seele. Franzobel „erzählt“ nicht einfach nur einen historischen Roman. Mit ausgelassener Fabulierlust zeichnet er ein pralles Gemälde menschlicher Not und Grausamkeit. Einem Kapitän, der vor der Westküste Afrikas jenes Katastrophenfloß entdeckt, bietet sich ein Bild des Grauens – hohle Augen, ein Gestrüpp stacheliger Bärte, ausgemergelte Gestalten, „wandelnde Leichen“. Die kleinen grauen Streifen, die an Seilen hängen, entpuppen sich als getrocknetes Menschenfleisch. Wie hoch ist der Preis des Überlebens? Gestattet nicht auch die katholische Kirche unter besonderen Umständen Kannibalismus?

Es ist ein wahres Schlachtfeld voll schockierender und monströser Szenen, die Franzobel mit sonorer Stimme in österreichischem Slang gelassen ausbreitet. Erträglich werden sie durch die charmant eingestreuten tragikomischen Elemente – wenn der unfähige Kapitän als einer der Ersten das Schiff verlässt, oder wenn dem Geistlichen statt Bibeln erotische Bildchen aus dem Missionarskoffer purzeln. Dazu kommen geistreiche und wohltuend distanzierende Abschweifungen in unsere Zeit. „Es ist zwar ein heftiges Buch, aber ich hab versucht, es doch ein bisserl amüsiert zu schreiben“, erklärt der 50-Jährige trocken: „Ich mach’ dann immer den Schwiegermuttertest.“ Wenn die es aushält, dann passt’s. Insofern: Mit seinem die Zivilisation hinterfragenden Theater der Grausamkeiten, dem grotesken Kampf aller gegen alle, hat Franzobel den Test bestanden – auch beim Publikum in Hall.

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