Schulprojekt statt Partnerstadt

Die Stadtverwaltung Hall schlägt vor, mit 40.000 Euro den Aufbau einer Berufsschule in Namibias Hauptstadt Windhoek zu unterstützen. Einige Stadträte haken nach: Ist das Geld auch gut angelegt?

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  • "Hier kommen unter anderem die Schüler der Waldorfschule her", berichtet Frieder Münz den Haller Stadträten. Er zeigt ein Foto eines Slums. Münz war zuletzt mehrere Wochen in Windhoek. 1/2
    "Hier kommen unter anderem die Schüler der Waldorfschule her", berichtet Frieder Münz den Haller Stadträten. Er zeigt ein Foto eines Slums. Münz war zuletzt mehrere Wochen in Windhoek. Foto: 
  • Die Waldorfschule am Stadtrand von Windhoek liegt auf einem Farmgelände. Die Baustelle für die Berufsschule ist unten im Bild zu erkennen. 2/2
    Die Waldorfschule am Stadtrand von Windhoek liegt auf einem Farmgelände. Die Baustelle für die Berufsschule ist unten im Bild zu erkennen. Foto: 
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"Es gibt 230.000 Aids-Waisen: Trotz kostenloser Medikamente gehen viele Eltern lieber zum Medizinmann und sterben, weil sie falsch behandelt werden", berichtet Frieder Münz den Stadträten im Verwaltungs- und Finanzausschuss am Montag.

Was hat das mit Hall zu tun? Ein wenig in Zukunft wohl schon. Der Gemeinderat hat entschieden, ein Prozent der Gewinne der städtischen Töchter für Projekte in Afrika bereitzustellen. Statt eine Städtepartnerschaft voranzutreiben, wird nun eine Schule unterstützt. Und die bietet einigen dieser Waisenkinder Internatsplätze. Das berichtet Frieder Münz, der in Künzelsau die frei Schule Anne-Sophie aufgebaut und geleitet hat. Nach seiner Pensionierung versucht er seit vier Jahren in der namibischen Hauptstadt Windhoek ein Berufsschulzentrum an der Waldorfschule zu errichten.

Stadträte wollen wissen, ob das Geld auch ankommt

"Es ist eine schöne Geste, dass die Stadt Hall uns unterstützen will", freut er sich. Denn während des Baus des Gebäudes sei klar geworden: Es müsse größer werden, einen zweiten Stock erhalten. "Das Geld reicht aber bisher nicht." Es handele sich zwar um eine Privatschule, aber um eine rein gemeinnützige Organisation. Fast 300 Schüler - aus allen Bevölkerungsschichten - würden dort zusammenkommen. Ungleichheit zwischen "vormals Benachteiligten" - damit seien die Einheimischen gemeint - und Deutschstämmigen gebe es noch. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war das Land deutsche Kolonie. "Die Schule hat aber die Chance mit seinem Modellprojekt das System von unten her aufzubauen", erläutert Münz. Es könnten bisher nicht vorhandene berufliche Bildungsangebote in den Bereichen Elektro und Solartechnik, Hauswirtschaft-/Tourismus, Landwirtschaft und Einzelhandel aufgebaut werden. Zudem unterrrichte die Schule mit einem Anteil von 70 Prozent benachteiligter Kinder Reiche und Arme gleichermaßen.

Über die 40.000 Euro direkter Hilfe für den Neubau des Berufsschul-Gebäudes hinaus stellt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim in Aussicht: "Eine Partnerschaft mit Haller Berufsschulen ist geplant." Die Grünen-Stadträte wollen erst noch in ihrer Fraktion beraten. Stadträte fragen nach: "Was kommt von den 40000 Euro da unten an", will Walter Frank (CDU) wissen - kurz zuvor hatte Felix Nestl (SPD) diese Frage eigentlich bereits beantwortet bekommen. "Alles", versichert Münz aber erneut, da die Kanäle der Waldorfschule genutzt werden, die Erfahrung im Ausland hat. Ruth Schmalzriedt (FWV) und Thomas Preisendanz (FDP) wollen wissen, welche Berufschancen die Absolventen der Waldorfschule haben. Münz versichert, dass erste Erfolge zu sehen seien. Rüdiger Schorpp (SPD) war schon selbst vor Ort. Er sei zwar "kein Fan von Privatschulen". Die Arbeit der Schule in Windhoek habe ihn aber überzeugt. Jetzt muss der Gemeinderat noch entscheiden, ob die Unterstützung überwiesen wird.

Kommentar: In der Realität angekommen

Berge von Second-Hand-Kleidern aus Europa machen den lokalen Markt für Schneider kaputt, gut gemeinte Brunnenprojekte lassen Tierherden anwachsen und im Fall einer Dürre das Leid noch größer werden, Lokalpolitiker sind auf Bestechungsgelder aus. Wer in einem afrikanischen Land gelebt hat, oder zum Beispiel Interviews mit dem ehemaligen Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Erhard Eppler liest, erfährt: Einfach ist Entwicklungshilfe nie. Von der Idee, die Stadt Ondangwa zu entwickeln, ist die Stadtverwaltung Hall abgerückt. Die Niederungen der Entwicklungshilfe holen die Pläne einer Städtepartnerschaft ein. Es ist zwar nicht besonders innovativ, auf ein bestehendes Projekt aufzuspringen, das zudem von der in Deutschland relativ großen Waldorfschul-Bewegung sowieso unterstützt wird. Aber vielleicht werden dadurch weitere Kontakte geknüpft und Ziele erkannt. Auch wenn die Arbeit schwierig, die Diskussionen im Haller Rat langwierig sind: Wir sind es dem vergessenen Kontinent schuldig, um die beste Art der Hilfe zu streiten.

TOBIAS WÜRTH

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