Schnitt im Krebsverein

Der Vorstand des Haller Krebsvereins gibt der ambulanten psychosozialen Krebsnachsorge eine neue Struktur. Die einzige Angestellte und der Freundeskreis des Vereins kritisieren das Vorgehen.

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Als Chirurg ist es Markus Golling gewohnt, einen Schnitt zu machen. Jetzt hat er ihn nicht nur bei seinen Patienten gemacht, sondern auch beim Krebsverein. Nachdem der im Diak arbeitende Arzt 2013 zum Vorstandsvorsitzenden des Vereins ernannt worden war, beschäftigte er sich mit dessen Zahlen. Golling sah, dass es dem Verein finanziell gut geht, er verfügt seit Jahren über Mittel von mehr als 400.000 Euro. Er erkannte, dass dem Verein in der Regel 30.000 bis 35.000 Euro pro Jahr gespendet werden, dass durch die Beiträge der knapp 1000 Mitglieder um die 25000 Euro jährlich in die Kasse fließen. Und dass der Freundeskreis mit seinen Basaren jährlich zwischen 12.000 und 17.000 Euro für den Verein erlöst, wie Golling sagt.

Dann sah er auf die Ausgaben. Er bemerkte, dass "nahezu alle Einnahmen des Vereins für eine Person ausgegeben werden". Damit meint er die einzige Angestellte des Vereins, Ingrid Wartenberg, die seit Februar 1994 die öffentliche Beratungsstelle für krebskranke Menschen und ihre Angehörigen führt. Der Krebsverein trägt diese Vollzeitstelle seit 1994, seit 1998 zu hundert Prozent.

Vereinsvorstand stellt sich Frage nach Verhältnismäßigkeit

Er habe sich gefragt, "ob die Spendengelder sinnvoll eingesetzt werden", sagt Golling. Wegen der gestiegenen Personalkosten habe nicht mehr regelmäßig in medizinische Apparate investiert werden können. Er habe im Vereinsvorstand die Frage gestellt: "Kann man das immer so machen?"

In dem elfköpfigen Vorstand sitzen Landrat, evangelische Dekanin, Ärzte und Vertreter von Selbsthilfegruppen. In einer Sitzung Ende September 2014 sprach sich keines der neun anwesenden Mitglieder für die Beibehaltung der Stelle in bisheriger Form aus. Drei Stimmen gab es für die Aufhebung der Stelle. Die Mehrheit stimmte für eine Umstrukturierung. Geplant ist nun eine 30- bis 40-Prozent-Teilzeitstelle, die von einer bereits im Diak beschäftigten Teilzeitmitarbeiterin der Überleitungspflege besetzt werden soll. Beabsichtigt ist auch, eine psychoonkologische Teilzeitstelle durch den Krebsverein zu fördern. Durch diese Aufteilung in einen betreuenden und einen psychoonkologischen Teil werde die Versorgung krebskranker Menschen verbessert, sagt Golling. Für Einrichtungen dieser Art soll es seines Wissens nach bald eine fünfstellige Förderung vom Land geben. In diesen Tagen verschickt Golling einen Brief an die Vereinsmitglieder, in dem er das Vorgehen des Vorstands erklärt.

Ingrid Wartenberg wartete die Vorstandssitzung im September ab. Der Vereinsvorstand habe ihr dann eine Weiterbeschäftigung im Diak als Physiotherapeutin angeboten. Damit war Wartenberg nicht einverstanden: Sie kündigte ihre Stelle auf Ende Juni. "Meiner Empfindung nach steht der Vorstand des Krebsvereins nicht mehr hinter meiner Person und nicht mehr hinter der Beratungsstelle, in der ich seit 21 Jahren tätig bin", sagt Wartenberg. Sie ist überzeugt, dass eine Teilzeitstelle "den Bedürfnissen der Krebskranken und ihrer Angehörigen im Landkreis Hall nicht genügt".

Sie sei ein Mensch, "der den an Krebs Erkrankten im wahrsten Sinne des Wortes zur Seite steht", sagt Wartenberg: "Ich liebe meine Arbeit, die Kündigung schmerzt mich sehr". Sie hat viele Aufgaben in der Betreuung Krebskranker und ihrer Angehörigen - die Angebote sind kostenlos. Ingrid Wartenberg begleitet auf Wunsch Patienten bei Behandlungen, Untersuchungen und Arztgesprächen, sie besucht sie zuhause und in Einrichtungen, bietet Gespräche und Hilfe bei Behördengängen, Anträgen, Patientenverfügungen und finanzieller Unterstützung an. Sie informiert über Angebote für Patienten, begleitet Kranke in der letzten Lebenszeit und steht trauernden Angehörigen zur Seite.

Der Freundeskreis des Krebsvereins unterstützt Wartenberg und kritisiert die Pläne des Vorstands, die Vollzeitstelle aufzugeben. Die Spendenbasare werden eingestellt. Mehrere Mitglieder des Kreises haben ihre Zugehörigkeit gekündigt.

Finanzierung durch Verein

Gründung Die Beratungsstelle für die ambulante psychosoziale Krebsnachsorge wurde 1993 vom Vorstand des Krebsvereins zusammen mit dem evangelischen Kirchenbezirk Schwäbisch Hall gegründet. Der Verein zahlt die Beratungsstelle seit 1998 zu hundert Prozent aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. wd

SWP

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