Rückkehr eines „Schlüsselwerks“

Vor mehr als 500 Jahren bekam die Riedener Marienkirche einen goldenen Flügelaltar. Im Jahr 1877 verkaufte die Gemeinde ihn nach Stuttgart. Nun ist das Retabel im HFM zu sehen.

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  • Besucher sehen sich am frühen Samstagabend den Flügelaltar der Riedener Marienkirche an. Das Retabel erzählt wichtige Episoden aus dem Leben Marias und Jesus’. Die gemalten Szenen links und rechts rahmen den Schrein ein.   1/2
    Besucher sehen sich am frühen Samstagabend den Flügelaltar der Riedener Marienkirche an. Das Retabel erzählt wichtige Episoden aus dem Leben Marias und Jesus’. Die gemalten Szenen links und rechts rahmen den Schrein ein. Foto: 
  • Der Schrein mit Reliefbildern bildet den Mittelpunkt des Flügelaltars: Mittig die Geburt Jesu, links Marias Vermählung mit Joseph, rechts die Anbetung der Könige. 2/2
    Der Schrein mit Reliefbildern bildet den Mittelpunkt des Flügelaltars: Mittig die Geburt Jesu, links Marias Vermählung mit Joseph, rechts die Anbetung der Könige. Foto: 
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Ohne Leistung gibt es keine Gegenleistung – nach diesem Motto handelte das Württembergische Cultministerium, als es im fortgeschrittenen 18. Jahrhundert mit der Gemeinde Rieden zu tun hatte. Diese habe „jenes kleine mit vergoldeten Figürchen etc. geschmückte Altärchen an der Nordseite des Chores der Kirche unentgeldlich“ abzutreten. Nur dann gebe es einen 500-Mark-Zuschuss, den die Riedener für die Restaurierung ihrer Kunstschätze dringend benötigten. Also verkauften sie, wie gefordert, das „Altärchen“ für 400 Mark. Am 15. Januar 1877 kam es in der 1862 gegründeten Stuttgarter „Staatssammlung vaterländischer Alterstümer“ – der Vorgängerinstitution des Landesmuseums Württemberg – an.

Fertigung um das Jahr 1440

Seitdem ist der Riedener Altar im Besitz des Landesmuseums. Vor zwei Jahren ging dort die Leihanfrage des Hällisch-Fränkischen Museums (HFM) ein. Die Idee, das Retabel zurück in die Region zu holen, stammte von Albert Rothmund, wie HFM-Leiter Armin Panter betonte. Retabel ist die Bezeichnung für einen Altaraufsatz.

Nach der Anfrage habe es ein „langes Tauziehen“ zwischen den Parteien gegeben, wie Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim sagt. Vor dem Transport nach Hall bearbeiteten Spezialisten und Studenten des Studiengangs Restaurierung monatelang den Altaraufsatz.

Nun ist das kleinformatige Retabel in die alte Heimat zurückgekehrt. Der Flügelaltar wurde um das Jahr 1440 in Brüssel oder im benachbarten Löwen gefertigt. Zu dieser Zeit begann in den Niederlanden (den Staat Belgien gab es damals noch nicht)  die serielle Herstellung von Altarretabeln. „Der Riedener Altar ist ein Schlüsselwerk der Kunstgeschichte des Spätmittelalters. Denn er stellt eines der frühesten, sicher dokumentierten und bis heute erhaltenen Importwerke der niederländischen Altarbaukunst im deutschen Südwesten dar.“ Er gehöre „zu den wertvollsten mittelalterlichen Objekten des Landesmuseums Württemberg“, sagt die Kuratorin Dr. Ingrid-Sibylle Hoffmann.

Vom Haupt- zum Seitenaltar

Kurz nach der Fertigung wurde der Altar nach Rieden geliefert, das damals hällisches Territorium war. Die Reichsstadt hatte das Kunstwerk erworben. In der zwischen 1436 und 1482 erbauten Wallfahrtskirche wurde die Retabel am Hauptaltar platziert, um 1500 herum dann an einen Seitenaltar versetzt.

Die Skulpturen und Tafelbilder der Retabel zeigen zentrale Episoden aus dem Leben von Jesus und seiner Mutter Maria. Das Zentrum des geöffneten Schreins zeigt die Geburt Christi. Maria, Joseph und eine Frau, vermutlich eine Hebamme namens Salome, knien betend um das Kind, das an dieser Stelle aber nicht zu sehen ist – die Figur wurde in den 1920er-Jahren gestohlen.

Links und rechts der Geburtsszene ist Marias Vermählung mit Joseph und die Anbetung der Könige zu sehen. Der Schrein wird von zwei gemalten Szenen gerahmt – dem Tempelgang Marias und der Darbringung im Tempel.

Der Schrein mit den geschnitzten Szenen prägt den Flügelaltar. „Diese spezielle Form mit der überhöhten Mitte und einem Schrein mit drei Reliefbildern ist typisch für die in Brüssel und Löwen hergestellten Altarretabel des 15. und frühen 16. Jahrhunderts“, sagt die Kunsthistorikerin Hoffmann.

Neuer „Realismus“

Der Riedener Altar erzählt in anschaulicher Weise biblische Geschichten, heilsgeschichtliche Episoden. Die Gestalten wirken dreidimensional, sie tragen schwere Gewänder, haben ausdrucksstarke Gesichter und sind räumlich so gestaffelt, dass der Besucher das gut nachvollziehen kann. „Als Betrachter nimmt man an dem Geschehen teil“, sagt HFM-Leiter Armin Panter. Mit diesem für die damalige Zeit neuartigen „Realismus“ konnten sich die Gläubigen laut Hoffmann stärker identifizieren als mit den idealisierten, oft abstrakt dargestellten Figuren zuvor.

„Das ist große Kunst“, findet Harry Wund, als er am Samstagabend im HFM vor dem vergoldeten Altaraufbau steht. Nach einem Festakt können die Besucher das Retabel in der Abteilung „Mittelalterliche Frömmigkeit“ besichtigen. Mit den konkreten Darstellungen könne er viel anfangen, „ich kann sehen, was gemeint ist, das spricht mich an.“

Uta Friederich-Keitel aus Rieden freut sich, dass der Altar in Hall ist – auch wenn es noch schöner wäre, würde er wieder in der Marienkirche sein. Ihr Mann Rainer Keitel sag: „Das Gebirge hinter der Geburtsszene, Richtung Gottvater hoch, ist grandios. Der Altar strahlt etwas Festliches, etwas Wunderbares aus.“

Das Landesmuseum Württemberg hat den Riedener Altar dem Hällisch-Fränkischen Museum als Dauerleihgabe übergeben. Bei einem Festakt am Samstag ist das Retabel der Riedener Marienkirche vorgestellt worden. Das Landesmuseum bewahrt mit mehr als einer Million Objekten die größte kulturhistorische Sammlung Baden-Württembergs. Haupthaus ist das Alte Schloss in Stuttgart.

In einer ersten öffentlichen Führung stellt
Dr. Armin Panter das Riedener Marienretabel vor. Panter ist Leiter des Hällisch-Fränkischen Museums. Die Veranstaltung beginnt am kommenden Mittwoch, 21. Juni, um 18 Uhr. Es können maximal 25 Person an der Führung teilnehmen. Anmeldungen sind unter der Telefonnummer 07 91/75 12 89 oder per E-Mail möglich: hfm.user@schwaebischhall.

Steigende Besucherzahlen im HFM vermeldete Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim bei dem Festakt. Dieses Jahr könnte die Zahl 50 000 erreicht werden. Dabei spiele der seit 2016 freie Eintritt in das Museum offensichtlich eine wichtige Rolle. Er habe, sagte Pelgrim, nicht gedacht, dass die zwei Euro Eintritt vor 2016 von einem Besuch abschrecken würden. Das habe es aber wohl doch getan. wd

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