Roma in Schwäbisch Hall: Bürgermeisterin besucht Bettler

In Hall knien sie in der Fußgängerzone. Aber was machen sie eigentlich mit dem erbettelten Geld? Vertreter der Kirchen, der Stadt Hall und der Serviceclubs haben sich das Leid der Roma in der Slowakei angesehen.

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Ärmliche Behausung im slowakischen Kalosa statt prunkvolles Büro im Haller Rathaus: Halls Erste Bürgermeisterin Bettina Wilhelm (Zweite von links) hat sich zusammen mit Kirchenvertretern die Heimat der Haller Bettler angesehen. Privatfoto

Für die Roma aus dem 835-Seelen-Ort 300 Kilometer östlich von Bratislava ist das Betteln in Hall ein Geschäftsmodell, mit dem ihre Familien überleben und sie sich nach einigen Jahren ein einfaches Haus bauen können. "Die Angst mancher Haller Bürger, dass die Bettler zu organisierten kriminellen Banden gehören, ist völlig unbegründet", sagt Bettina Wilhelm, Halls Erste Bürgermeisterin. Sie war Teil der Reisedelegation nach Kalosa, den Ort, aus dem die meisten Bettler in Hall stammen. Ihre Betroffenheit über die unglaubliche Armut in einem EU-Land, das über ein supermodernes Straßennetz verfügt, aber die Roma systematisch benachteiligt, war bei dem Pressegespräch, zu dem die Teilnehmer der zweiten Fahrt nach Kalosa ins Brenzhaus eingeladen hatten, spürbar.

"Da ist ein Elend mitten in Europa, von dem wir nichts wussten", so auch Halls Dekanin Anne-Kathrin Kruse. Das dringendste Problem vor Ort sei die fehlende Trink- und Abwasserversorgung. Fürs Abwasser seien zunächst geschlossene Gruben, die regelmäßig entleert werden, sinnvoll, Trinkwasser könnte mit Kanistern oder Tankwagen bereitgestellt werden, meinte Wolfgang Engel vom Haller Diakonieverband. Der Anschluss ans Trinkwassernetz würde rund 500.000 Euro kosten, fünf Prozent müsste die Gemeinde übernehmen.

Einig sind sich die Kalosa-Unterstützer, dass sie beim Thema Wasser nur etwas über politischen Druck erreichen können. Pastoralreferent Wolfram Kaier geht noch weiter: "Die Situation der Roma ist Apartheid in Europa, das dürfen wir nicht dulden und müssen den Finger in die Wunde legen." Die Slowakei entwickele sich, aber die Roma profitierten nicht davon, pflichtete ihm Wilhelm bei. "Wir wollen wie mit einem Scheinwerfer auf Kalosa zeigen und die Armut in Europa sichtbar machen", sagte sie. Allein durch ihren Besuch in Kalosa hätten sie schon für ungewöhnliche Aufmerksamkeit gesorgt.

Die Arbeitslosigkeit liegt in Kalosa bei fast 100 Prozent

Viele Roma haben seit dem Zusammenbruch des Kommunismus vor 25 Jahren keine Arbeit, sie leben von Sozialhilfe und Kindergeld. Dafür müssen sie eine bestimmte Stundenzahl pro Monat gemeinnützig arbeiten. Auch deshalb kehren sie nach 14 Tagen in Hall immer zurück in die Slowakei. Weder zum Handwerk noch zur Landwirtschaft haben sie Bezug. Das Land liegt, seit die Kolchosen geschlossen wurden, brach. Nicht einmal für den Eigenbedarf bauen sie Gemüse an.

"Die Roma waren bis 1850 Sklaven in den Donaufürstentümern", erklärte Wolfram Kaier. Das wirke bis heute nach. Eine große Ressource stelle ihre Musik dar. Kürzlich haben zwei Musiker aus Kalosa in der Volkshochschule eine Kostprobe der leidenschaftlichen Zigeunermusik gegeben. Die Veranstaltung ist Teil der Doppelstrategie von Bettina Wilhelm: Ein Ziel ist, den Menschen zu Hause in Kalosa Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Gleichzeitig will sie den Menschen in Hall in Würde begegnen und sich dafür einsetzen, dass sie hier besser akzeptiert werden. "Solange die Roma in ihrer Heimat keine Perspektive haben, bleiben sie zum Betteln hier. Da ist es mir lieber, es sind die Menschen aus Kalosa, die wir kennen, als andere", stellte sie klar.

Von denen nehmen bereits einige an einem Deutschkurs teil. "Vor ein paar Tagen hat mich eine junge Roma angesprochen und mir begeistert ihr Deutschheft mit ersten deutschen Sätzen gezeigt", erzählte sie lachend.

Info Am 5. Dezember ist um 19 Uhr im Brenzhaus ein Begegnungsabend mit den Haller Bettlern geplant. Am 7. Dezember findet wie jedes Jahr das Eintopfessen für Brot-für-die-Welt statt, wo die Haller Bettler meist auch dabei sind.

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