Rentnergang repariert im Haller Asylheim Fahrräder

Vor dem Gebäude steht ein Sofa. Ein paar Kinder sitzen darauf und scheinen auf etwas zu warten. Immer wieder springt eines auf und schaut auf die Straße. Endlich kommt das Auto mit dem Anhänger. Darauf stehen, eng an eng, gut sieben Fahrräder ...

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Traugott Hald und Erich Mayer laden die Räder vom Hänger. Männer aus dem Asylheim helfen. Und da kommt auch Michael Dietze angeradelt und auch Friedrich Trein erscheint in seiner bunten, geflickten Arbeitsjeans.

Vor zwei Jahren fiel den Rentnern auf, dass hinter dem Asylheim viele Fahrradwracks herumlagen. Schnell stand die Initiative. Seither sammelt der Freundeskreis Asyl, dem die Senioren angehören, ausgediente Räder, um sie für die Flüchtlinge fahrtauglich zu machen. Teilweise machen die Männer das daheim, wo fast jeder eine gut ausgestattete Werkstatt hat, teils bringen sie die Räder mit und reparieren in und vor der Garage neben dem Asylheim. Die Idee, vor Ort zu schrauben, kam ihnen im letzten Jahr. Denn warum sollten sie nicht die Bewohner mit einbeziehen?

„Ich hätte gerne ein kleines Fahrrad“

Immer mehr kommen aus dem Gebäude, schauen zu oder packen mit an. Und viele haben einen Wunsch: „Hast du ein Fahrrad für mich?“, fragt Fekim Nikolitsche auf Englisch. Der Serbe ist erst seit kurzem in Hall und ein Rad ist „better than walking“ – besser als zu Fuß gehen. Er findet noch einen Kindersitz und fragt Erich Mayer, ob sie ihn gemeinsam anbringen können. Der kommt mit der Flex. Fekim Nikolitsche soll für Strom sorgen. Er schaut sich um, keine Steckdose da. Er geht zum Haus und ruft ins Fenster der Hochparterre: „Hello Neighbour!“ Der Nachbar, ein dunkelhäutiger Mann schaut hinaus, fängt den Stecker auf und Erich Mayer startet den Winkelschleifer.

„Ich hätte gerne ein kleines Fahrrad“, sagt eine Frau aus Georgien. Mit der Hand zeigt sie die gewünschte Größe. „Klein“. Für ihr Kind? Nein. Für sie. Aber sie ist nicht so sicher im Radfahren, da ist ihr ein kleines Rad lieber. Sie möchte damit nur ein bisschen mit ihrem Mann „Spaß machen“, in den Straßen ringsum fahren. Bis in die Stadt traue sie sich nicht. Ebrahim Lazar stellt ein Rad auf den Kopf und macht sich an der Kette zu schaffen. Der Iraker hat bis vor einiger Zeit noch im Asylheim gewohnt. Er kommt jetzt regelmäßig her um den vier Männern vom Freundeskreis Asyl zu helfen. „Ich bin Automechaniker“, sagt er. Er hört nicht auf zu lächeln. Nicht wenn er spricht und nicht wenn er arbeitet.

Michael Dietze schleudert einen Fahrradschlauch durch die Luft. „Damit der Kleber trocknet.“ Der 13-jährige Alen aus Mazedonien übernimmt und montiert ihn an das Rad. Alen hilft mit. Er arbeitet schnell und nur ganz kurz schaut er von seiner Arbeit auf um zu antworten, als er angesprochen wird. „Du brauchst das Rad nicht abzumontieren“, rät Friedrich Trein. Er zeigt ihm, wie er es machen soll und schon setzt Alen seine Hände an die richtigen Stellen. „Donnerstag kommst du doch, oder?“, fragt Erich Mayer. Alen nickt. Am Donnerstag werden sie in seiner Werkstatt zusammen Räder reparieren.

Seit im Haller Tagblatt vor zwei Monaten geschrieben wurde, dass der Freundeskreis Asyl alte Fahrräder suche, stand das Telefon nicht mehr still. Gut 150 Räder holten die Senioren ab. In zwei Scheunen, von Bauern zur Verfügung gestellt, harren sie ihrer Wiederbelebung.

Was fehlt, sind Ersatzteile

Sibel aus Mazedonien wünscht sich einen Tacho an ihr Fahrrad. Sie hält ihn Traugott Hald hin und schaut freudig erwartungsvoll. „Das ist Luxus“, sagt er. Sibel schaut fragend. „Weißt du, was Luxus ist? Zum Beispiel wenn du dir ein extra teures Parfum kaufst.“ Sibel versteht. Sie hätte gerne ein bisschen Luxus.

Es ist eigentlich Zeit für Kaffee und Kekse. Die bringt gewöhnlich einer der Flüchtlinge aus seinem kleinen Zimmer mit. Heute kommt er nicht.

Die vier Senioren haben zwar Räder, aber was fehlt sind Ersatzteile. Die kaufen sie aus eigener Tasche. Sie haben versucht, Spenden zu sammeln, Gutscheine von Fachgeschäften zu bekommen, oder nicht benötigte Teile von Fahrradhändlern zu übernehmen. Bisher ohne Erfolg. Auch Räder suchen sie weiterhin, besonders gut erhaltene sind sehr gefragt. Wer würde nicht ein schönes Rad einem alten vorziehen? „Mountainbikes sind das Nonplusultra“, bemerkt Friedrich Trein.

Alen zerreibt die Waschpaste in seinen Händen und dann streckt er jedem die saubere Hand hin, um sich zu verabschieden. Er geht ins Gebäude, wo die einzige Beschäftigung der Fernseher ist. Die Erwachsenen müssen ein Jahr warten, bis sie hier arbeiten und Deutsch lernen dürfen. Heute hatten sie ein paar Stunden lang etwas zu tun.

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