Prügelei im Pflegeheim

In einem Oberroter Pflegeheim hat ein 53-Jähriger einen Demenzkranken schwer verprügelt. Das Haller Amtsgericht verurteilt ihn wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu sechs Monaten Haft mit Bewährung.

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Mit dem Heimbus ist der 53-jährige Angeklagte A. zum Haller Amtsgericht gebracht worden. Er hat sich fein angezogen in einem blauen Anzug mit weißem Hemd, dazu elegante schwarze Lederschuhe. Der gelernte Gipser ist Frührentner und war alleinstehend, bevor er in Oberrot im Alten- und Pflegeheim aufgenommen wurde. Sein Problem ist der Alkohol. Drei Entzugs-Therapien brachten keinen dauerhaften Erfolg.

Seine Betreuerin begleitet ihn. A. wirkt orientiert, aber die Finanzen überblickt er nicht mehr. Seine Rente geht ans Heim. Er bekommt 100 Euro Taschengeld im Monat. Wenn er mit Pflegekräften zum Einkaufen geht, muss er das Wechselgeld bei der Heimleitung abgeben.

Im Sommer letzten Jahres hat man ihn noch nicht so streng beaufsichtigt. Er konnte sich im Ort Alkohol beschaffen. Am 30. Juli sah ihn eine Küchenhelferin abends gegen halb sieben Uhr zum Eingang "wanken". Wenig später kam es zum "Geschrei". A. war im Speisesaal mit dem 79-jährigen Heimbewohner H. in Streit geraten und hatte ihm schwere Faustschläge ins Gesicht versetzt. Beide waren zu Boden gegangen. H. blutete aus dem Mund.

Pflegekräfte riefen den Rettungswagen und die Polizei. Der malträtierte H. kam für eine Nacht ins Diakoniekrankenhaus. Diagnose: Schädel-und Rippenprellung, Nasenbeinbruch, Zahnverlust. Täter A. kam mit einem Blutalkoholgehalt von 1,6 Promille in die Ausnüchterungszelle der Polizei.

"Es tut mir leid, dass ich so ausgerastet bin", sagt er. Sein Mitbewohner H. habe ihn zuvor ständig provoziert. "Er ist mir mit seinem Laufwagen in die Waden reingefahren!" Das Opfer ist nicht als Zeuge geladen worden. "Herr H. weiß von dem Vorfall gar nichts mehr - Demenz!", erklärt die anwesende Betreuerin.

Auch wenn er fehlt: Über den seinerzeit verletzten Heimbewohner wird vor Gericht viel gesprochen. Der inzwischen 80-Jährige gilt als aggressiv. Eine 28-jährige Pflegerin, die er gelegentlich als "fette Sau" betitelt, berichtet: "Wir wurden schon gebissen, geschlagen, gezwickt, bespuckt!" Das Heim wird den unbeliebten Herrn aber nicht wieder los. "Die Ehefrau hat gesagt, sie nimmt ihn nicht mehr zurück", berichtet die 60-jährige Heimleiterin. Dass es zu einer neuen Prügelei mit dem beschuldigten A. kommen könnte, muss sie aber nicht fürchten. A. lebt seit Ende August 2012 in der geschlossenen Abteilung des Heims.

Nachdem die Verhandlung einen Blick auf den schwierigen Alltag im Oberroter Pflegeheim geworfen hat, folgt das Urteil. Richter Brunkhorst verhängt gegen A. wegen vorsätzlicher Körperverletzung sechs Monate Haft auf Bewährung. Das Gericht schlägt ein neue Alkoholtherapie vor. Außerdem soll der 53-Jährige eine Geldauflage von 150 Euro zahlen - von seinem Taschengeld in sechs Monatsraten zu 25 Euro. Das Geld geht an "Ärzte ohne Grenzen."

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