Pauline Graf legt den Grundstein

"Selbsthilfe statt Almosen" ist der Titel der Vernissage anlässlich 90 Jahre Arbeiterwohlfahrt. Am Freitag sprach im Haus der Bildung Stadtarchivar Dr. Andreas Maisch über die Geschichte des Wohlfahrtsverbandes.

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Rüdiger Schorpp, langjähriger Vorsitzender der Haller Arbeiterwohlfahrt, der aktuelle Vorsitzende Dr. Walter Müller sowie Stadtarchivar Dr. Andreas Maisch (von links) an der Fahne des Jahres 1924, dem Gründungsjahr der Haller Awo.  Foto: 

Am 13. Dezember 1919 wurde die Arbeiterwohlfahrt (Awo) auf Reichsebene gegründet. In der "Haller Diaspora", wie es Dr. Walter Müller nannte, war Pauline Graf maßgeblich für die Gründung der Awo verantwortlich. Als Vorsitzende der SPD-Frauengruppe regte sie die Gründung eines Hilfsausschusses an, "dessen Ziel die Unterstützung notleidender Parteigenossen und -genossinnen war", so Stadtarchivar Maisch. Auf derselben Versammlung beschlossen die elf Frauen auch die Gründung eines Nähabends. Später ist dieser in den Aktivitäten der Awo aufgegangen.

Die 1920er-Jahre waren geprägt von wirtschaftlichen Problemen. Im Jahr der Gründung der Awo in Hall wurde die Saline geschlossen. "Sie war zwar 1924 kein bedeutender Betrieb mehr, dennoch gingen Arbeitsplätze verloren." Im Gegensatz zur Awo auf Reichsebene war die Awo in Hall weniger als Lobby- denn als Fürsorgeverband tätig. An Weihnachten 1924 verteilte der Ortsausschuss erstmals Lebensmittelpakete an 120 Familien sowie Kleidungsstücke, Backwaren und Äpfel an 152 Kinder. Neben Haussammlungen kamen diese Spenden durch Haller Geschäftsleute und Gewerbetreibende zustande. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten führte 1933 zum vorläufigen Ende sämtlicher Aktivitäten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Haller Awo einen Neubeginn. 1946 trennte sich der Verband von der SPD und konstituierte sich als eigenständige Organisation. Am 19. April 1947 wurden Fritz Baumann als erster Vorsitzender und Josef Wochnik als Vertreter der schlesischen Neubürger gewählt. Im September desselben Jahres übernahm Christian Graf den Vorsitz. Mit seiner Frau Pauline "schulterte er in den Jahren bis 1954 auch offenbar die meiste Arbeit", so Maisch. Ab 1950 wurden im Lemberghaus Ferienlager angeboten. Eine Bilanz des Jahres 1953 offenbarte, dass in den Nähstuben der Awo an 46 Nachmittagen und Abenden 460 Frauen freiwillig beschäftigt waren.

Mitte der 60er-Jahre professionalisierte sich die Awo. Hauptamtliche Mitarbeiter wurden eingestellt. 1960 wurde Alfons Schorpp der erste Vorsitzende "in der Oberen Herrngasse mit einem Schreibtisch, zwei Leitzordnern und 3500 Mark." Schorpp machte sich als Wohlfahrtsmarkenverkäufer verdient. 1966 versandte er 244000 Marken und dehnte das Vertriebsgebiet vom Nordkap bis Südafrika aus. Bundespräsident Heinrich Lübke ehrte ihn als fünftbesten Verkäufer der Republik. Die Mitgliederzahlen stiegen von 150 (1964) auf 750 (1980), sanken allerdings bis 1997 auf 537 Personen. Heute hat der Verband 260 Mitglieder. Maischs prägnanter Vortrag endet mit der Benennung der 1994 eingerichteten Seniorenwohnanlage am Gänsberg und dem Beginn der Kinderinsel 1997.

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