Passbild rührt Mutter zu Tränen Kindesentziehung: Prozess fortgesetzt

Im Haller Amtsgerichtsprozess gegen einen 32-jährigen Palästinenser, der seine kleine Tochter im Gazastreifen zurückgelassen hat, wird der Ton schärfer. Der Anwalt der Kindsmutter fordert Schmerzensgeld.

|

Schon seit fünf Jahren muss der angeklagte 32-jährige Ingenieur damit rechnen, wegen Kindesentziehung bestraft zu werden. Wie berichtet, brachte er im Sommer 2009 die damals vierjährige Tochter Anni (Name geändert) zu seinen Eltern in Gaza-Stadt. Als er Wochen später ohne das Mädchen nach Frankfurt zurückgekehrt war, wandte sich die Mutter des Kindes an die Polizei.

Das Strafverfahren kam aber nur sehr langsam in Gang. Es wurde schließlich vom Frankfurter Amtsgericht an das hiesige Amtsgericht verwiesen, weil der beschuldigte Ingenieur inzwischen in Hall wohnt. Die Bemühungen der 32-jährigen, aus der Ukraine stammenden Kindsmutter, die kleine Anni aus dem Gazastreifen zurückholen zu lassen, waren vergeblich. Von Kennern der Situation in dem palästinensischen Autonomiegebiet wird sie dringend gewarnt, selbst dorthin zu reisen: Es sei viel zu gefährlich.

Vermutlich wäre es ohnehin aussichtslos, denn Anni hat sich bei ihren Großeltern in Gaza-Stadt eingelebt. Die Oma befindet über ihr Wohlergehen. Einer Ausreise des Kindes, die von der regierenden Hamas bewilligt werden müsste, würde sie nicht zustimmen. Glaubt man dem Angeklagten, dann hatte die Großmutter das Mädchen versteckt, als ihr Sohn mit ihm nach Deutschland zurückreisen wollte.

Eindringlich schildert Rechtsanwalt Ulrich Warncke (Oberursel), der die Kindsmutter als Nebenklägerin vertritt, am zweiten Verhandlungstag den Schmerz seiner Mandantin. Auch wenn sie mit Anni telefonieren könne, so entfremde sich das Mädchen doch zusehends von seiner Mutter.

Überraschend stellt Warncke einen Antrag auf Schmerzensgeld. Zwar könne "keine noch so hohe Summe das Leid auch nur annähernd kompensieren". Aber der Angeklagte, der sich nur "halbherzig" bemüht habe, das Kind zurückzuholen, müsse finanziell einstehen. Mindestens 30000 Euro seien angemessen, zudem 500 Euro für jedes weitere Jahr, in dem die inzwischen fast zehnjährige Anni im Gazastreifen bleibe.

Im Gerichtssaal schildern Zeugen die "komplizierte" Beziehung des Palästinensers als Muslim zu der christlichen Frau. Der Mann sei gelegentlich gewalttätig geworden, berichtet eine Freundin der Kindsmutter. Die 33-jährige Zeugin erzählt, was sie in der Wohnung des Paares erlebt hat: Ihre Freundin habe krank im Bett gelegen und wollte nicht aufstehen. "Da hat er ein rohes Ei auf ihren Kopf geschlagen!" Er sei aber, ergänzt sie, ein "guter Vater" gewesen.

Die Großmutter in Gaza soll religiös fanatisch sein. "Die Hamas ist für sie das A und O", sagt der 33-jährige Bruder des Angeklagten, der in beruflich guter Position ebenfalls in Deutschland lebt. "Sie hätte uns nicht in die Welt gesetzt, dass wir europäische Frauen heiraten!", zitiert der Zeuge seine Mutter. In den Grenzregionen herrsche Krieg: "Im Gazastreifen ist keiner sicher!"

Mitten in der Verhandlung gibt der Angeklagte seiner ehemaligen Lebensgefährtin den ukrainischen Kinder-Reisepass zurück, den er 2005 bei der Einreise nach Ägypten und in den Gazastreifen für Anni vorgelegt hat. Der Pass ist inzwischen abgelaufen. Die Mutter sieht das Foto ihrer kleinen Tochter und hat Tränen in den Augen. Fast zärtlich schmiegt sie den Pass in ihren Händen. Sie will einen neuen beantragen. Denn neben der palästinensischen hat das Kind, das inzwischen nur arabisch spricht, auch noch die ukrainische Staatsangehörigkeit. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Feuerwehrübung: Pflanzenzucht

An den letzten beiden Dienstagen hat die Haller Feuerwehrabteilung Ost den Brand einer Pflanzenzucht geübt. weiter lesen