Orchideen hinter Stacheldraht

Warnschilder, Stacheldraht, undurchdringliches Moor: Obwohl die US-Army schon vor 23 Jahren abzog, bleibt die einstige Heeresnebenmunitionsanstalt (Muna) gesperrt. Nun jedoch ist ein Nutzungskonzept ins Sicht.

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    Die Bundesförster Katrin Knauß und Tom-Eric Hegner planen, aus Naturschutz Kapital zu schlagen. Das Gelände verfügt bald über ein Ökopunktekonto. Foto: 
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  • Tief im nie geräumten Kupfermoor werden Tonnen an Munition vermutet. 3/4
    Tief im nie geräumten Kupfermoor werden Tonnen an Munition vermutet. Foto: 
  • Einer der wenigen noch nicht zugeschütteten Bunker der US-Army. 4/4
    Einer der wenigen noch nicht zugeschütteten Bunker der US-Army. Foto: 
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"Betreten verboten, Kampfmittel, Lebensgefahr": Die Warnschilder am drei Meter hohen Stacheldrahtzaun machen unmissverständlich klar: Hier am Fuß der Waldenburger Berge zwischen Gailenkirchen, Kupfer und Wittighausen befinden sich die wahrscheinlich gefährlichsten 40 Hektar von ganz Hohenlohe. Die Ursache liegt fast 70 Jahre zurück: Im Jahr 1946 traf die US-Army die fatale Entscheidung, hunderte Tonnen an Bomben und Granaten der zwischen 1937 und 1939 für die Wehrmacht errichteten "Heeresnebenmunitionsanstalt Kupfer" nicht abzutransportieren, sondern einfach sprengen zu lassen. Ein Großteil der Wehrmachts-Munition wurde dadurch nicht unschädlich gemacht, sondern im gesamten Areal verteilt.

Davon offenbar unbeeindruckt baute die US-Army die Muna für ihre eigenen Bedürfnisse um, errichtete eigene, von LKW befahrbare Bunker. 1977 erreichte das Depot sogar bundesweit Bekanntheit, als das Magazin "Der Spiegel" eine Titelgeschichte über die Neutronenbombe ausgerechnet mit einem am Muna Kupfer aufgenommenen Foto illustrierte. Nach einigem Wirbel im Haller Gemeinderat versicherte Standortkommandeur Lewis J. McConnel, man lagere keine Atomwaffen, sondern "nur" Infanteriemunition.

1992 zogen sich die Amerikaner aus Hall zurück. Mittlerweile scheint das 300 Meter westlich der Bahnstrecke von Hall nach Neuenstein gelegene, gut hinter Bäumen versteckte Gelände fast in Vergessenheit geraten zu sein. "Trotzdem kann man gar nicht oft genug betonen, wie gefährlich es hier nach wie vor ist", sagt Katrin Knauß, die dort regelmäßig mit Tom-Eric Hegner nach dem Rechten schaut.

Knauß und Hegner sind Mitarbeiter der Sparte Bundesforst innerhalb der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben - deren Kernaufgabe es ist, bundeseigene Liegenschaften zu verwalten und zu verkaufen. Tatsächlich hatte die Stadt Hall unmittelbar nach dem Abzug der US-Army Interesse gezeigt, das Muna-Gelände zu erwerben. Doch wegen der unabsehbaren Folgekosten war das Vorhaben schnell vom Tisch. Mehrere Millionen Euro wären nötig, um den Waldboden komplett von den Altlasten zu befreien.

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg hatte Anfang der 90er-Jahre geschätzt, dass von den im Jahr 1945 dort gelagerten 800 Tonnen Munition nur etwa 40 Prozent sachgemäß vernichtet wurden. An eine Begebenheit erinnert sich Tom-Eric Hegner noch immer mit Schrecken: "Ende der 90er-Jahre sind etliche Bomben zum Vorschein gekommen, als eine Forstmaschine in den aufgeweichten Waldboden eingesunken ist." Er ist sich sicher: Eine Entmunitionierung des Areals bis in drei Metern Bodentiefe würde eine Mondlandschaft hinterlassen und somit Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere vernichten.

Beim Rundgang auf den sicheren Wegen wird schnell deutlich: Die Natur hat die Muna längst zurückerobert. Durch die Abschottung haben seltene Schmetterlinge wie Schachbrett oder Spanische Flagge, der Hirschkäfer, mehrere Eulenarten und der Pirol ein Rückzugsgebiet gefunden. Über Reste von Eisenbahnschienen und Rampen, Kabelteile und Metallschrott wuchern Mose und Farne. Und in den lichten Bereichen wuseln Heerscharen an Ameisen über den Waldboden.

Einige Stellen halten die Bundesförster extra frei, damit dort nährstoffarmer Magerrasen mit seinen typischen Orchideenarten erhalten bleibt. Hegner und Knauß schwebt dabei eine künftige Nutzung der Muna vor: Ein Landwirt könnte auf der ökologisch wertvollen Fläche Ziegen oder Schafe weiden lassen, die zudem in zwei noch nicht zugeschütteten Bunkern Unterstand finden könnten. Außerdem besteht Hoffnung, dass sich Fledermäuse in den Bunkern ansiedeln.

Nachdem die unteren Naturschutzbehörden der Landkreise Hall und Hohenlohe grünes Licht gegeben hätten, verfüge die Muna Kupfer demnächst auch über ein eigenes Ökopunktekonto. Sollten zum Beispiel die Gemeinden Hall und Untermünkheim neue Baugebiete nahe der Muna erschließen wollen, müssten sie nicht erst in einem zeitraubenden Verfahren nach ökologischen Ausgleichsmaßnahmen suchen. Sie könnten einfach beim Bundesforst Ökopunkte kaufen.

Völlig ungestört ist die Ruhe im ehemaligen Munitionslager indes nicht. Obwohl der Stacheldrahtzaun vor einigen Jahren erneuert wurde, verschaffen sich noch immer Abenteuerlustige Zutritt. "Scheiß Nazis" hat vor kurzem jemand an eine Bunkerwand geschmiert. Und Tom-Eric Hegner staunte nicht schlecht, als er unlängst eine kleine Hanfplantage auf einem der Bunker entdeckte. Dabei ist es sogar möglich, ganz legal auf das Muna-Gelände zu gelangen: Der Bundesforstbetrieb Heuberg bietet auf Anfrage Gruppenführungen an.

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