Nur noch einmal pfeifen?

Für die Haller Eisenbahnfreunde  bricht eine Welt zusammen: Bis Februar müssen sie die Vereinsräume am Herdweg in Sulzdorf verlassen. Ersatz wird dringend gesucht.

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Abschiedsblicke bei der vorletzten öffentlichen Ausstellung der Haller Eisenbahnfreunde in ihren Räumen am Herdweg in Sulzdorf. 18 Meter lang und 2,50 Meter breit ist diese Anlage. Einer der Züge, die dort kreisen, misst stolze vier Meter.  Foto: 

Die Sorgen der Deutschen Bahn AG mit Verspätungen, technischen Problemen und Stuttgart 21 sind gar nichts im Vergleich zu dem, was derzeit die Haller Eisenbahnfreunde bedrückt: Wenn kein Wunder geschieht, müssen die knapp 60 Mitglieder des Vereins ihr in tausenden Arbeitsstunden aufgebautes Bahnverkehrsnetz mit eigener Hand dem Erdboden gleichmachen.

Denn der Lagerraum in Sulzdorf, der ihrem Miniaturkönigreich viele Jahre Obdach bot, hat den Besitzer gewechselt, und der möchte jetzt die ortsübliche Miete für die Fläche haben. „Es ist kein Wucherpreis, aber wir können uns das trotzdem nicht leisten“, sagt Vereinsvorsitzender Michael Theimel, der keine Zahlen nennen möchte.

Findet sich bis Februar kein großzügiger Mäzen mit passenden Platzressourcen, müssen die insgesamt mehr als 200 Quadratmeter umfassenden Anlagen mit mehreren hundert Schienenmetern so weit  wie möglich zerlegt, ihre Infrastruktur in Kisten verpackt, der Rest zersägt und weggeworfen werden.

Nur wer sich in die Herzen dieser Männer einzufühlen vermag, die ihr Leben den Spurenweiten Z bis 2 verschrieben haben, kann erahnen, welch tiefes Leid ihnen dieser brutale Kahlschlag zufügen würde.

Dampf und leise Wehmut

So schwebt neben lebensechtem Lokomotivdampf aus der Flasche eine leise Wehmut über der vorletzten öffentlichen Ausstellung des Vereins in den heiligen Modelleisenbahnhallen am Herdweg, die nach der Abschiedsveranstaltung am 24. Januar 2017 ruhmreiche Vergangenheit sein werden.

Die Eisenbahn-Fans sind zahlreich gekommen, darunter viele Kinder, die sich von den unermüdlich kreisenden Wagenkolonnen hypnotisieren lassen. Wer von ihnen zum Nachwuchs des Vereins gehören wird, ist ungewiss: „Junge Leute interessieren sich kaum noch für Modelleisenbahnen“, bedauert Peter Dinter, zweiter Vereinsvorsitzender, „es ist ihnen zu viel Arbeit.“

Wagenmaterial, Schienen, Gebäude, Wälder, Buntsandsteinfelsen — alles bedürfe der regelmäßigen Pflege. Wie viel Arbeitsstunden stecken in den Anlagen, die in der Halle stehen? „Bei 5000 hab’ ich aufgehört zu zählen“, winkt Dinter ab.

Besucher Günter Kahnt aus Öhringen gehören 160 Meter Schiene auf 50 Quadratmetern. Er gibt zu, dass es schon etwas mit Allmachtsgefühlen zu tun hat, Herr über eine Eisenbahnwelt zu sein. Günter Kahnts Sohn Marvin gehört zu den jungen Leuten, die diesem Hobby noch etwas abgewinnen können: Er widmet sich dem Sounddesign und findet es cool, wenn jede Lok mit der Originalstimme ihres großen Vorbilds pfeift.

Längst sind die Modelleisen-Junkies im Digitalzeitalter gelandet. Uwe Heilmann überwacht die N-Anlage, auf der die Tullauer Brücke, der Bahnhof Hessental und das „Scharfe Eck“ ihre maßstabsgerechten Ebenbilder haben, gleich auf zwei Computerbildschirmen. Einer zeigt für Laien unverständliche Schaltkreise, der andere das Bild einer Tunnel-Kamera: „Damit ich gleich sehe, wenn da was passiert.“ Denn wie bei ihren großen Brüdern kann auch bei den kleinen Zügen mal etwas schief gehen. Springt ein Wagen unbemerkt aus dem Gleis, führt das auch in Miniatur zu kostspieligen Auf­fahrunfällen.

Kleines Schloss Neuschwanstein

Unter und hinter den detailreichen Landschaften verbergen sich mehrere Gleis-Ebenen, auf denen die Loks gemächlich Höhenunterschiede überwinden können. Eine Landschaft ohne Berge ist halt stinklangweilig.

Modellbau-Urgestein Alfred Pflanz hat den edelsten Deckel für die fünf Etagen seines „unterirdischen“ Steigungssystems: ein kleines Schloss Neuschwanstein, das er im Andenkenladen des großen Neuschwansteins erworben hat.

In der Turn- und Festhalle Sulzdorf findet gleichzeitig die beliebte Sammlerbörse des Vereins statt. Hier wandeln Männer mit ernster Miene und Plastiktüten am Arm an den Ständen entlang. Wenigstens diesen Raum kann den Haller Eisenbahnfreunden keiner nehmen.

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