Neue Schuhe fürs Heilige Blechle

Die kalte Jahreszeit ist für KFZ-Werkstätten und Reifenhändler die heiße Phase. Winterreifen aufziehen steht an. Wir begleiten einen Mechaniker in Tüngental.

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    Mechanikermeister Michael Wurst wechselt in seiner Werkstatt in Tüngental die Reifen an einem Auto Foto: 
  • Mit einer Ein-Euro-Münze können auch Laien überprüfen, ob das Profil ihrer Reifen noch tief genug ist. 2/2
    Mit einer Ein-Euro-Münze können auch Laien überprüfen, ob das Profil ihrer Reifen noch tief genug ist. Foto: 
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In den nächsten Tagen ist mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und Schnee zu rechnen.“ Wenn das im Radio zu hören ist, dann geht in der Tüngentaler Werkstatt noch abends spät das Telefon. Dann will auch der Letzte nicht mehr aufschieben, was bis dahin noch zu schieben war: das Aufziehen der Winterreifen. Vielleicht zögert mancher es auch deshalb hinaus, weil es endgültig den Abschied von der warmen, hellen Jahreszeit bedeutet. Das wäre jedenfalls eine gute Ausrede für die eventuelle Faulheit.

Bei drei Autowerkstätten hagelt es Absagen. Eine Reportage? Jetzt? Unmöglich! Zu viel zu tun. Da darf keiner im Weg rumstehen und von der Arbeit abhalten. In Tüngental nimmt man das locker. Weil sich der Betrieb einst auf Karosseriebau spezialisiert hat, fällt wenigen ein, dass dort auch Reifenwechsel möglich ist. Aber die Stammkunden kommen zu ihrem „Doktor des Vertrauens“.

Der Ablauf sitzt

Heute hat Michael Wurst vier Autos auf dem Hof stehen, die auf neue Schuhe warten. Ein Peugeot 206 ist bereits von der Hebebühne runter. Es fehlt noch das, was nicht vergessen werden darf: Das Nachziehen der Schrauben. Mit einem Drehmomentschlüssel setzt der Mechanikermeister an, drückt den Hebel runter, bis er ein Knacken hört. Dann ist die Schraube mit einer Kraft von 120 Newtonmetern festgezogen. Nächste Schraube. Damit er nicht ein Rad auslässt, geht er immer nach demselben Schema vor. Er beginnt an der Fahrerseite und dann geht’s nach hinten. Er kann dabei plaudern, ohne etwas zu vergessen. Der Ablauf sitzt.

Zehn Minuten. Länger dauert ein Reifenwechsel nicht. Allerdings „darf man dabei nicht schlafen“, scherzt der Mechaniker, sonst dauert’s länger. Zehn Euro nimmt er pauschal. Egal, ob es sich um einen Peugeot mit kleinen Reifen handelt oder um ein massigeres Fahrzeug.

„Welchen willste als Nächstes?“, fragt Junior Achim Wurst. „Den VW-Bus.“ „Viel Spaß!“, murmelt der 23-Jährige ironisch. Er weiß, wie schwer die Reifen dieses Autos sind. „15 bis 20 Kilo vielleicht“, vermuten die beiden.

Aber zuerst muss der T5 Multivan in die Luft. Michael Wurst schwenkt die Arme der Hebebühne unter das Auto. Er legt sich auf den Boden um die Punkte zu finden, an denen die Arme angesetzt werden. Am Rand vom Auto sind kleine Kerben, die dem Mechaniker helfen, die richtige Stelle zu finden. Immer wieder justiert er die Arme der Hebebühne, fasst ans Rad des Autos, rückt es ein Stückchen vor und ein Stückchen zurück, nimmt einen Handfeger, legt ihn unter das Rad, damit es nicht wieder zurück rollt, bis es endlich auf beiden Seiten passt.

Mit dem Druckluft-Schlagschrauber löst er die Schrauben und hebt den Sommerreifen herunter. Er greift sich den Winterreifen, sucht den Pfeil und setzt ihn an. Der Pfeil gibt die Rotationsrichtung an. „Das ist ein Fehler, den mancher, der die Reifen selbst montiert, gerne macht. Die Reifen sollten sich in eine bestimmte Richtung drehen. Für die ist das Profil ausgelegt.“ Mit dem Bein hält er das Rad fest. Wenn das runter fällt, können die 15 bis 20 Kilo ganz schön weh tun. „Passiert ist uns noch nie was“, sagt Michael Wurst. Er hat schon als kleiner Junge in der Werkstatt geholfen. Sein Vater Friedrich ist sein Vorgänger. Gerade spaziert der Rentner über den Hof. Ein bis zweimal am Tag dreht er seine Runde durch die Werkstatt und schaut nach dem Rechten.

Zeit für neue Reifen?

Michael Wurst kontrolliert das Profil der Sommerreifen des VW-Busses. Die haben es jetzt hinter sich. Die Stege, die die Abfahrgrenze zeigen, sind auf einer Höhe mit dem Profil. 1,6 Millimeter Mindesttiefe sind das nicht mehr. Gut zu messen ist die Profiltiefe auch mit einer Ein-Euro-Münze. Wenn der goldene Rand sichtbar ist, dann wird es Zeit für neue Reifen.

Dass es bedeutend mehr zu tun gibt seitdem die Winterreifenpflicht greift, finden die Tüngentaler Mechaniker nicht. „Früher gab es mehr Schnee. Da kamen die Leute auch ohne dass es Pflicht war zum Reifenwechsel.“

Dazu fällt Michael Wurst eine Anekdote ein. Ein alter Stammkunde fuhr immer Autos mit Heckantrieb. Irgendwann hatte er ein Neues, mit Frontantrieb. Zwei Jahre nachdem er es gekauft hatte, wollte er in den Winterurlaub fahren und ließ Schneeketten aufziehen. Als er sein Auto sah, regte er sich auf: „Wieso habt ihr denn die Ketten vorne aufgezogen?“ Dass er ein frontgesteuertes Auto fuhr, ist ihm in zwei Jahren nicht aufgefallen. Er konnte es auch gar nicht glauben.

Von „O bis O“ sollte man Winterreifen fahren – von Oktober bis Ostern. „Die meisten kommen erst dann mit ihrem Heiligen Blechle zu mir, wenn es den ersten Schnee gibt“, sagt Michael Wurst. Früher hätten die Leute wirklich noch auf ihr Auto geachtet, da durfte kein Kratzer und keine Delle drin sein. Heute seien sie viel großzügiger mit Lack- und Karosserieschäden.

Wenn der Winter kommt, wird es ruhiger in der Werkstatt. „Die meisten lassen ihr Auto im Frühjahr reparieren und im Dezember sparen die Leute lieber auf Weihnachten.“ Wenn es allerdings einen kalten Winter mit viel Eis und Schnee gibt, dann kann es voll werden im Hof der Karosserie Wurst. Unfälle sorgen für Geschäft.

Übrigens, das Privatauto von Michael Wurst rollt noch auf Sommerreifen. Ja ja, der Schuhmacher geht barfuß.

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