Nähen bis der Po kribbelt

Auf Einladung und Broschüre zur Modenschau der Schneiderinnung ist eine junge Frau in rotem, wallenden Kleid auf der Großen Treppe in Hall zu sehen. Es ist Jule Matysik, Auszubildende im Haller Atelier Körner.

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Jule Matysik (stehend) und Angelika Wilipp bei der Arbeit im Haller Atelier Kerstin Körner. Sie stehen nun auf dem Laufsteg bei Modenschauen der Maßschneider-Innung in der Region Stuttgart. Am Samstag, ist die Schau im Foyer der Druckerei Siller in Hall zu sehen.  Foto: 

Zwei junge Frauen gehen über den Laufsteg. Immer wieder, in immer neuen Kleidungsstücken. Und irgendwann tragen sie ihre eigene Kreation - ein dreiteiliges Outfit. Hose, T-Shirt, Kurzjäckchen in Schwarz-Silber die eine, Kleid, Bluse und Jacke in Pastelltönen die andere. Einmal im 60er-Jahre-Stil, einmal rockig. Jule Matysik und Angelika Wilipp sind beide im ersten Lehrjahr als Damenschneiderinnen im Atelier von Kerstin Körner in der Haller Marktstraße. Zwei ganz verschiedene Typen mit der gleichen Leidenschaft für den Beruf, den sie mehr oder weniger schnell gefunden haben. Beide sprechen von unglaublich guten Fügungen, die sie an diesen Platz geführt haben, wo alles zu stimmen scheint.

"Meine Süßen sind ganz süß", sagt Kerstin Körner. Ihre Motivation und ihr Ehrgeiz rühren die Schneider-Meisterin. "Es fühlt sich gar nicht an wie Arbeit", sagen beide, auch wenn es vor allem im ersten halben Jahr sehr anstrengend war. An der Nähmaschine ist volle Konzentration gefragt. Zuhören, was die Lehrmeisterin sagt, lange und ausdauernd an einer Sache bleiben - und in einer Position. Das merken die beiden abends im Rücken.

Immer weniger Jugendliche wollen diesen Beruf erlernen. In der Berufsschulklasse sind sie knapp 20. Nur fünf davon lernen Damenschneider. Zehn wollen in die Änderungsschneiderei und fünf lernen Herrenschneider am Stuttgarter Staatstheater. Jule und Angelika haben den weitesten Weg. Um vier Uhr müssen sie morgens aufstehen, damit sie rechtzeitig zur Schule in Stuttgart-Feuerbach erscheinen. Einmal die Woche zur Schule und einmal die Woche zum praktischen Nähen. Für die beiden fast überflüssig, denn "wir lernen sowieso hier bei Kerstin alles", sind sie sich einig.

Die Kleidungsstücke, die die beiden für die Modenschau der Maßschneider-Innung Stuttgart, Böblingen, Ludwigsburg, Rems-Murr und Hohenlohe angefertigt haben, gehen über die Fähigkeiten einer Damenschneiderin im ersten Lehrjahr heraus. "Der Schnitt von Angelikas Bluse ist mindestens drittes Lehrjahr", sagt Kerstin Körner.

Die Freude der Kundinnen entlohnt für die Mühe

Die beiden Auszubildenden schwärmen davon, wie es ist, wenn eine Kundin sich über ein angefertigtes Kleidungsstück freut. Dann wird alle Mühe, jeder Knopf, der von Hand angenäht wurde, jede Naht, die konzentriert zur geraden Linie werden musste, entlohnt.

"Ich habe schon immer vom perfekten Schnitt geträumt", sagt Angelika Wilipp. Nie passte die Kleidung richtig. So hat sie schon als Kind Kleider für ihre Puppen genäht, und heute schaut sie den Menschen auf der Straße auf die Jacke und kann nicht anders als zu denken: "Das sitzt nicht!"

Jule Matysik hat nie genäht. Ein bisschen wundert sie das, was sie gerade macht. Zeichnen wollte sie, aber dazu fehlte ihr die Geduld. Beim Nähen ist das anders. "Da kann ich so lange dran sitzen bleiben, bis mir der Po einschläft."

Ohne ihre Eltern könnten sie sich die Ausbildung nicht leisten. Die Lehre zum Maßschneider ist laut Bundesinstitut für Berufsbildung die am schlechtesten bezahlte. Mit durchschnittlich 191 Euro Monatslohn bekommen sie weniger als Friseure, Floristen und Bäcker. 1965 lag der Beruf der Damenschneiderin in der Beliebtheit auf Platz zwei. Heute ist er weit abgeschlagen. "Für das Geld machen wir es sicher nicht", sagen die beiden lachend.

Zur Person vom 7. Mai 2015

Angelika Wilipp ist 29 Jahre alt. Sie war Industriekauffrau, studierte BWL, arbeitete und machte ein Praktikum bei Kerstin Körner. Im vergangenen Sommer begann sie die Ausbildung. Sie wohnt in Rot am See bei ihren Eltern.

Jule Matysik ist 21 Jahre alt. Nach dem Abitur begann sie eine Lehre als Krankenschwester im Diak - "Ich komme aus einer Arztfamilie", erzählt sie. Dass das nichts für sie war, merkte sie schnell. Sie studierte ein Semester an der Haller Kunstakademie und machte ein neunmonatiges Praktikum bei einer Modedesignerin in Fichtenberg, bevor sie über Bekannte bei Kerstin Körner "hineinpurzelte". Die Bühlertannerin ist mit Ausbildungsbeginn nach Hall gezogen.

Termine Die Modeschauen sind am Donnerstag, 7. Mai, um 19 Uhr in der Handwerkskammer Stuttgart, Freitag, 8. Mai, um 19 Uhr im Restaurant Stadtblick in Backnang und am Samstag, 9. Mai, ab 16 Uhr in der Haller Druckerei Siller. Eintritt: 12 Euro.

SWP

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