Mut und Wut

Theater darf phantasieren. Es darf zwei Servicebeamte an einem Flughafen mit Rosen auf Asylbewerber zugehen lassen. So beim Theater Odos in der Haller Hospitalkirche. Viele Zuschauer gingen bewegt heim.

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"Willkommen in Deutschland", sagt die Beamtin (Johanna Kollet mit Maske) und begrüßt den Flüchtling (Jörg Schulze-Neuhoff) mit einer Rose.  Foto: 

"Willkommen in Deutschland!", sagen die Beamten. Sie bieten einen Kaffee an, bevor sie die Ankommenden in ihre Penthousewohnungen fahren wollen.

"Ja, von wegen!", mögen sich die rund 150 Zuschauer in der Hospitalkirche denken. So läuft das nicht. Regisseur Heiko Ostendorf von der Theatergruppe Odos aus Münster ärgert sich über die Politik, die Flüchtlinge aussieben wolle - nur die "guten Flüchtlinge", Fachkräfte, würden Willkommen geheißen. Auch weil er durch seine aus dem Iran geflüchtete Freundin die ganze Problematik hautnah miterlebte, schrieb er das Stück "Asylant im Wunderland".

So lässt er die Schauspieler Johanna Kollet und Jörg Schulze-Neuhoff abwechselnd in die Rolle der Beamten und der Flüchtlinge schlüpfen. Maske auf - Beamter, Maske runter - Flüchtling. Die weibliche Maske schaut keck, die männliche dümmlich. Der Beamte schneidet sich an der Rose, quengelt wie ein Kind den Flüchtling an, er möge doch seine Angebote annehmen.

Die Flüchtlinge wollen nicht. Was ist das für eine Ironie?! Penthousewohnung?! Sie haben jahrelang in engen, erniedrigenden Asylantenheimen gewohnt. Die Anträge, denen nie stattgegeben wurde. Und plötzlich sollen sie hofiert werden?

Ein besonderer Effekt des Stückes ist die Leinwand, auf der mal eine Flughafenanzeige (Ankunftsorte: Hoyerswerda, Hell, Teheran, Paradise), mal Nachrichten eingeblendet werden. Um die Ironie auf die Spitze zu treiben, kommt eine Reportage. "Ich bin so dankbar, in Deutschland zu sein", sagt die Schauspielerin Johanna Kollet, die im Film eine Iranerin spielt. "Die Deutschen haben immer etwas zu tun. In meinem Land sind wir vor lauter Langeweile demonstrieren gegangen." Die Bilder zeigen Deutsche beim Shopping. Das Stück endet, indem eine Zuschauerin rausgeführt wird. Warum? Weil sie keinen akademischen Beruf hat. "Sie werden leider abgeschoben!"

Ein Haller Flüchtling, Ali Soltano aus Afghanistan, kommt in der Gesprächsrunde auf die Bühne: "Es ist sehr schlimm, wenn Polizisten an deine Tür klopfen und sagen, dass du abgeschoben wirst. Gerade dann, wenn du gedacht hast, jetzt fange ich neu an."

Die Zuschauer sind bewegt und motiviert. Vor der Aufführung fand eine "Stunde der Begegnung" statt. Die hätte man besser ans Ende des Abends gestellt. Das Stück hat manchem Mut gemacht - und Wut.

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