Morden mit Worten

Viele Haller kennen Walter Häberle noch als Grundschullehrer. Heute schreibt er Bücher. Sein erster Krimi spielt in einem fiktiven Hohenloher Dorf.

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An diesem Schreibtisch werden Mordfälle ausgeheckt und auch gleich gelöst: Der Autor Walter Häberle in der Dichterdachstube seines Hauses in Künzelsau-Morsbach.  Foto: 

Messer spielen in Kriminalromanen häufig eine tödliche Rolle. Walter Häberle hat dagegen die Gabel als Mordinstrument entdeckt und sie dem fiesen Ochsenwirt genüsslich in den Ranzen gerammt. Da allerdings eine Kuchengabel kaum gereicht hätte, um den mächtig unbeliebten Gastronomen zu meucheln, griff der Autor zur erheblich potenteren Heugabel.

„Der Teufel von Jagstbach“ – so heißt das Werk, in dem solch Grässliches geschieht und das nun der Tübinger Silberburg-Verlag aufgelegt hat. Häberle ist in der Region kein Unbekannter: Viele werden sich an den Pädagogen erinnern, der während seines ersten Lebens auch in den Grundschulen von Aalen, West­heim, Schwäbisch Hall und zuletzt in Künzelsau unterrichtete.

„Wollte einmal frei fantasieren“

Länger schon ist er unter die Schriftsteller gegangen. Häberles bisherige Bücher dokumentieren wahre Lebensgeschichten: das Schicksal der Russlanddeutschen, das Leben seiner eigenen Mutter und die Erlebnisse eines jungen Mädchen im Bosnienkrieg. Der mit einer gehörigen Portion Humor gewürzte Regional-Krimi erweitert sein Portfolio um ein für ihn neues Genre. „Jetzt wollte ich einmal ganz frei fantasieren, ohne mich an Fakten halten zu müssen“, bekennt der heute 75-Jährige.

 Drei Jahre dauerte es, bis „Der Teufel von Jagstbach“ geboren war. Dabei brachten die Romanfiguren ihren Schöpfer mitunter ganz schön zur Verzweiflung: „Einmal hat sich mein Hauptverdächtiger so dusselig angestellt, dass ich nicht mehr wusste, wie ich ihm helfen soll“, seufzt Häberle, der von Bekannten und Freunden schlicht „Häbsch“ genannt wird.

Als er in seiner Morsbacher Dichterdachstube mit dem Schreiben anfing, hatte er noch keine Ahnung, wie die Geschichte ausgehen würde. Die Protagonisten führten ein Eigenleben in seinem Kopf: „Man entwickelt echte Sympathien und Antipathien gegenüber den Charakteren.“ Drei Handlungsstränge habe er in seinem Krimi verflochten „wie einen Hefezopf“. Was ihn an anderen Krimis oftmals störte, hat er beim Schreiben tunlichst unterlassen: „Zu viele Namen verwirren die Leute nur“, findet „Häbsch“. Die Vornamen seines Kommissars Lutz und dessen Assistenten Wieland bleiben darum im Verborgenen. Das Mordopfer heißt einfach „der Ochsenwirt“ – und fertig.

 In Jagstbach sind etliche Personen nicht traurig darüber, dass der Frauenheld und windige Geschäftsmann um die Ecke gebracht wurde. Und obwohl der Künzelsauer Kommissar und sein junger Assistent nur eine Woche brauchen, um den Fall zu lösen, bleibt der Wirt nicht die einzige Person, die Häberle schriftlich abmurkst. Zwischen Langenburg und Mulfingen liegt der fiktive Ort, den er für seinen Roman erfunden hat, um nicht den Einwohnern einer real existierenden Ortschaft auf den Schlips zu treten. Denn selbstverständlich kommt bei den Ermittlungen in der sauberen Dorfidylle ein Haufen Dreckwäsche ans Tageslicht.

Wer sich in der Region auskennt, wird auf viele vertraute Schauplätze und Persönlichkeiten treffen. So hat der Unternehmer Reinhold Würth einen Cameo-Auftritt, die Geschichte beginnt und endet bei einem Biergarten-Konzert der Mundart-Kultband „Annâweech“, und ein Alter Ego des in Langenburg geborenen Grünen-Politikers Rezzo Schlauch spielt ebenfalls eine ganz eigene Rolle.

Der aus Stuttgart nach Künzels­au frisch eingewechselte Kommissar ist ein Philosoph, und natürlich grübelt er über jene Dinge nach, die auch seinen Erschaffer umtreiben. Wie kommt das Böse in Welt? Das gehört zu den zentralen Fragen im Buch. Und wenn Lutz wortgewaltig einen Pfarrer zusammenfaltet, den er bei einem „Kleinen Exorzismus“ antrifft, darf man dahinter ruhig Häberles Botschaft an die katholische Kirche vermuten.

Weil das alles offenbar viel Spaß macht, wird es in absehbarer Zeit weitere Tote geben: Die Gestalten für den nächsten Lutz-Krimi geistern bereits im Dachstübchen von Walter Häberle herum.

Obwohl Walter Häberle 1941 in der Nähe von Köln geboren wurde, ist er eigentlich Haller und Hohenloher: Sein Abitur legte er als Internatsschüler am Evangelischen Schulzentrum Michelbach ab. Als Lehrer unterrichtete er von 1964 bis 1967 an der Gartenvolksschule in Aalen, danach an der Grundschule Westheim, ab 1969 an der Grundschule Rieden und ab 1974 in Schwäbisch Hall im Schulzentrum West. Von dort zog der umtriebige Pädagoge 1979 mit seiner Frau und zwei Kindern nach Brüssel, wo er fünf Jahre an der Deutschen Schule lehrte. Seine letzte und längste Station als Lehrer war bis 2003 die Grund- und Hauptschule Künzelsau. Im Morsbach ist Häberle mit seiner Frau schon seit 30 Jahren zu Hause. Zu seinen Leidenschaften gehören neben dem Schreiben das Fotografieren und das Radfahren.
Häberles dokumentarische Bücher „Lana – Das Mädchen aus Bosnien“, „Die weite Reise“ und „Die Leute von Barzowa – Das Schicksal eines deutschen Dorfes in Sibirien“ hat der Autor im Eigenverlag veröffentlicht. Das Buch über das Leben seiner Mutter „Hilde Sonntagskind“ ist seit der dritten Auflage vergriffen. cito

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