Mit Kanonen gegen den „Haufen“

Bauern rotten sich in der Braunsbacher Mühle im Jahr 1525 zusammen und wollen in der Schwäbisch Haller Region das „göttliche Recht“ aufrichten. Doch sie scheitern.

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Das Gefecht bei Gottwollshausen, kolorierte Federzeichnung aus einer Haller Chronik um 1600.  Foto: 

Drei Jahre nach seiner Bestellung zum Prediger an St. Michael in Schwäbisch Hall sah sich Johannes Brenz mit einem Ereignis konfrontiert, welches das „Alte Reich“ bis in die Grundmauern erschütterte. Wie in vielen süddeutschen Gebieten erhoben sich die Bauern des Haller Lands. Sie wollten die als widergöttlich betrachtete Lasten abwerfen.

Um 1525 herrschte in der Landbevölkerung Unzufriedenheit. Im Zuge des Ausbaus seiner Herrschaft höhlte der Haller Rat – wie andere Obrigkeiten auch – alte Selbstverwaltungsrechte aus und erhöhte Steuern. Streit um die „Zehnten“ und die besonders verhasste Leibeigenschaft verstärkten den Unmut. Zentral für die Bauern war die von der Reformation inspirierte Idee des „göttlichen Rechts“, das die Bibel als Basis für soziale und politische Forderungen nahm. Brenz lehnte dies allerdings wie fast alle Reformatoren strikt ab. Er hielt zwar manche Forderung für berechtigt, Aufruhr und Empörung zu ihrer Durchsetzung galten ihm aber als Gotteslästerung.

Der Aufstand bricht aus

Im hällischen Land rumorte es schon im Winter 1524/25. Die Ereignisse in Rothenburg, wo sich Bauern und städtische Verbündete Ende März durchgesetzt hatten, ermutigten wohl auch die Haller Landbevölkerung. Am 2. April brach der Aufstand in der Braunsbacher Mühle offen aus. Bauern, die sich zum Weintrinken getroffen hatten, schlossen sich zu einem „Haufen“ zusammen, um die „göttliche Gerechtigkeit“ aufzurichten. Sie besetzten Dörfer, nahmen Pfarrer gefangen, brachten die Einwohner zum Anschluss, bewaffneten sich und wählten Hauptleute. Am Morgen des 4. April näherten sich angeblich rund 4000 Bewaffnete der Gottwollshäuser Steige.

Mittlerweile hatte sich der Haller Rat allerdings auf den Rat von Johannes Brenz hin entschlossen, Widerstand zu leisten. Einige ungezielte Kanonenschüsse einer an der Steige postierten Truppe reichten aus, um Panik, Flucht und die völlige Auflösung des Haufens auszulösen.

Dieser Sieg beendete den Konflikt aber nicht. Viele schlossen sich nun den Haufen der Nachbarschaft an. Vor allem die Eroberung von Weinsberg am 16. April fachte den Aufstand neu an. Herren wie die Grafen von Hohenlohe und die Schenken von Limpurg unterwarfen sich nun den Forderungen der Aufständischen. Haller Bauern zogen mit dem Neckartal-Odenwälder Haufen nach Würzburg und belagerten die Festung Marienberg. Andere plünderten mit dem Gaildorfer Haufen das Kloster Murrhardt, verbrannten Lorch und stürmten den Hohenstaufen.

Der Haller Rat verfolgte zunächst eine Hinhaltetaktik. Die Stadt selbst wurde militärisch abgesichert, die Aufständischen ließ man aber gewähren und beschwichtigte sie mit unverbindlicher Rhetorik.

Entscheidend war, dass die Bauern keine Verbündeten in der Stadt fanden, die eine Öffnung erzwangen – wohl eine Folge der Beilegung innerer Konflikte nach der „Zwietracht“ 1510 bis 1512. Als der Vormarsch der Truppen des „Schwäbischen Bundes“ die Niederschlagung des Aufstands absehbar machte, erzwangen die Haller dann Ende Mai 1525 die Unterwerfung ihrer Untertanen. Nennenswerte Kämpfe gab es nicht, zwei Haller Vorstöße nach Oberrot und Bühlertann liefen ins Leere. Der Gaildorfer Haufen, gegen den sie sich richteten, löste sich auf, ohne besiegt worden zu sein. Zeitgenössische Chronisten verspotten die beteiligten Landsknechte als raubgierige Trunkenbolde, ihre Anführer als eitle Streithähne.

Die Reichsstadt wurde nun vom Kaiser dafür belohnt, dass sie sich dem Aufstand nicht gebeugt hatte. Die Haller spielten eine zentrale Rolle bei der Unterwerfung der Bauern in der Region, zogen Strafsteuern ein und nahmen die Huldigungen der Herren entgegen, die sich mit den Aufständischen geeinigt hatten. Etliche „Aufrührer“ wurden verhaftet und teils hart gefoltert. Mit vier am 23. Juni vollzogenen Hinrichtungen eröffnete der Rat sein Strafgericht.

Harte Strafen folgen

Insgesamt gab es acht Todesurteile und acht Verstümmelungen, die in zwei Fällen mit Landesverweisungen verbunden waren. Außerdem verhängte der Rat 19 geringfügige Haftstrafen und teils drastische Bußgelder. Entsprechend den damaligen Vorstellungen von der Rolle der Strafjustiz ging es nicht um systematische Bestrafung, sondern um abschreckende Beispiele. So wurde teils mit Härte, teils auch mit demonstrativer Milde verfahren.

Johannes Brenz kritisierte nun die Rachsucht der Herren scharf, ohne die Haller Ratsherren sonderlich zu beeinflussen. Er drohte mit dem „strengen Urteil Gottes“ über das „Schinden“, und warnte, die übermäßigen Strafen und Plagen würden der Obrigkeit „zuletzt über ihren eigenen Hals geraten“. Schließlich seien die Herren genauso schuldig am Aufstand; sie hätten auch nicht „allweg Seiden gesponnen“.

Trotzdem kam das Haller Land vergleichsweise glimpflich davon, insbesondere angesichts der andernorts verübten Gewalttaten des „Schwäbischen Bundes“.

Ein am Aufstand Beteiligter sagte deshalb 1526, es sei ein Glück, „dass die von Hall die Bauern hätten verjagt“, sonst „wäre dies Land jetzo schon verderbt“.

Gegen Zumutungen der Herrschaften wehrten sich die Untertanen in der Folge nicht mehr mit Waffen, sondern mit den eifrig betriebenen Klagen vor den Reichsgerichten. Die wohl bedeutendste Folge des Bauernkriegs war eine „Versteinerung“ des im Kern mittelalterlichen Systems der Grundherrschaft.

Erst nach der Revolution von 1848 und unter dem Eindruck eines teilweise gewaltsamen Aufbegehrens vor allem der Hohenloher Bauern wurde es durch das Königreich Württemberg endgültig beseitigt.

Autor Daniel Stihler ist Archivar im Haller Stadtarchiv.

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