Ministerpräsident Kretschmann wandert nach Hall – 40 Bürger gehen mit

Von Wackershofen bis Hall: sechs Kilometer bei 32 Grad Celsius. Ministerpräsident Winfried Kretschmann zeigt sich am Dienstag bürgernah. Viele der Mitwanderer sind begeistert von dem grünen Landesvater.

|

Der Ministerpräsident steht am Eingang des Freilandmuseums. Hinter dem Rücken lässt er seinen gelben Sommerhut mit dem schwarzen Band von einem Finger auf den anderen Wippen. „Jetzt gehen wir los – oder?“, fragt er. Doch noch wird auf Nachzügler gewartet.

Kordhose, unauffälliges Hemd, zu langer Gürtel, ausgetretene Lederschuhe: Der Grünen-Ministerpräsident scheint sich seine bequemsten Kleider angezogen zu haben. Kretschmann verhält sich anders als viele Politiker. Obwohl er von fünf Fotografen umschwärmt wird, schaut er bei der Führung durchs Freilandmuseum Wackershofen oft auf den Boden. Keine gestellten Fotos, keine extra Geste vor der Linse. Schwer ist es, sein Gesicht unter der Hutkrempe mit der Kamera überhaupt einzufangen. Anstatt zu reden und seine Themen zu setzen, hört er zu. Wird ihm eine Frage gestellt, denkt er erst mal länger nach, bevor er antwortet.

„Er sagt, was er denkt“

Genau das kommt bei vielen der 40 Teilnehmer der Wanderung gut an, die zur Hälfte aus Abgeordneten und Grünen-Mitarbeitern besteht und zur Hälfte aus Bürgern.

„Er sagt, was er denkt“, freut sich Wolfgang Schneider (87), der zusammen mit zwei weiteren Albvereinlern aus Hall die Tour führt. „Das soll aber nicht heißen, dass ich ein Grüner bin“, schiebt er nach. Im Jahr vor der Landtagswahl punktet der ehemalige Kommunist bei Konservativen.

Der Ministerpräsident ist auf Sommertour. Zehn Tage, zehn Orte und immer mehrere Wanderungen. Hall ist nach Mosbach die zweite Etappe. Morgens war er schon privat von Goldbach nach Wackershofen gegangen – ohne Publikum. Und ohne seine Frau Gerlinde, die nach der ersten Wanderung krank zu Hause bleiben musste.

Michael Happe, Museumsleiter von Wackershofen, gibt ihm zunächst eine Privatführung. Ab 13.30 Uhr gesellen sich Abgeordnete und Parteifreunde dazu. „Er ist sehr interessiert und weiß vieles. Einiges auch aus eigener Erfahrung“, sagt Happe hinterher.

Hotelier sieht Windräder als existenzgefährdend

Und was sagt Kretschmann? Erst einmal gar nichts. Beim eineinhalbstündigen Rundgang durch vier Gebäude des Museums lauscht er den Worten Happes. „Sind das Falzbretter oder Federbretter?“, will er in der Stube der Mühle Laun wissen. Happe tippt auf Falzbretter, die mit einer versetzten Einbuchtung die Bohlen am Boden verbinden und nicht ineinander greifen wie Federbretter. Es geht um Details, die den ehemaligen Lehrer aber interessieren. So auch die Frage: „Welcher Religion gehörten die Bewohner des Hauses an?“ Happe und Kretschmann tippten in einem Fall auf Katholiken.

Auch die Wanderung verläuft ausgesprochen unaufgeregt. Einige Radfahrer drehen sich um: „War das der Ministerpräsident?“ Nur wenige Bürger bringen ihre Anliegen vor. Es geht um zu viele Windräder in Neustädtlein und den zu großen Einfluss der Industrievertreter bei dem Erlass von Gesetzen. Den beiden Bürgern, die das vortragen, hört Kretschmann lange zu – mehrere hundert Meter weit haben sie sein Gehör. „Und sie schreiben mir das nochmal kurz“, fordert er die beiden auf. Eine Assistentin nimmt die E-Mail-Adressen auf. Kretschmann legt sich nicht fest, will die Anliegen an die zuständigen Ministerien weiterleiten. Doch auch so fühlen sich die Bürger verstanden. „Er kümmert sich“, freut sich Hotelier Friedrich Meiser aus Neustädtlein, der vier Windräder als existenzgefährdend für sein Hotel ansieht. „Er wäre die letzte Rettung.“

"Er hat ein gutes Tempo vorgelegt"

Auch Museumsleiter Happe und Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim nutzen die Gelegenheit, ihre Anliegen zu platzieren. „Man nutzt die Gelegenheit natürlich“, erläutert Pelgrim. „Man muss die Themen aber portionieren“, erläutert er seine Strategie.

Zwischen den relativ wenigen Anfragen bleibt Zeit fürs Wandern durch die Enge Schleifbachklinge. Nach eineinhalb Stunden erreicht die Gruppe den Marktplatz. „Schwungvoll ist er gegangen. Er hat ein gutes Tempo vorgelegt“, sagt Paul Rahl (71) aus Michelfeld hinterher. „Herzlichen Dank für die gute Führung. Es ist nicht das ideale Wanderwetter. Es war aber eine schöne Tour“, sagt Kretschmann vor dem Rathaus und nimmt einen großen Schluck aus der Apfelschorle-Flasche.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Von Bühlertann ins Silicon Valley

Noch bis Anfang Dezember arbeitet der Software-Unternehmer Marcel Krull beim Elektroautohersteller Tesla mit. Er unterstützt dort die Produktion des Tesla Model 3. weiter lesen