Mehr heiter als wolkig

Jörg Kachelmann ist zu Gast beim Braunsbacher Wintergespräch. Mit spitzer Zunge unterhält er den ausverkauften Saal. Er redet nicht nur vom Wetter.

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Jörg Kachelmann, der in Deutschland wohl prominenteste Meteorologe, im Gespräch mit Moderator Marcel Miara.  Foto: 

Was haben die Braunsbacher und Jörg Kachelmann gemeinsam? Beide stehen in engem Bezug zum Wetter. Die einen an einem schicksalsträchtigen Tag, der andere ein ganzes Leben lang.

Bürgermeister Frank Harsch und Moderator Marcel Miara haben den prominenten Gast ins Schloss Döttingen eingeladen, der im deutschen Fernsehen den Wetterbericht revolutioniert hat. Mit ihm wurde die Spießigkeit verbannt. Vorher wurde im strengen Nominalstil von Temperaturrückgang und Niederschlagswahrscheinlichkeit gesprochen. Mit Kachelmann, Sohn eines Eisenbahners, wurde das Wetter volksnah. Bei Kachelmann gibt es keinen Niederschlag, da „schifft es“.

Als Kind auf dem Bodensee

Mit blauem Hemd, Jeans, roten Hosenträgern mit weißem Kreuz, dem Wappen seines Heimatlandes der Schweiz und einem karierten Schal, den er so gerne lässig um den Hals wirft, sitzt Kachelmann im Sessel.Miara stellt zu Anfang die grundlegenden Fragen. Woher kommt die Faszination für das Wetter? Wieso hat er das Studium abgebrochen? Er habe als Kind immer mit Vaters Boot auf dem Bodensee verbracht, sagt Kachelmann. Da war das Spannendste, das Wetter und den Sturm zu beobachten.

Das Studium habe er ja nicht wirklich abgebrochen, nur zu früh aufgehört. Nämlich drei Monate vor dem Ende.  „Dumm von mir“, aber er habe bereits seinen Job als Wetterman gehabt.

Leidenschaft für das Wetter – da wird es dem Mann mit der spitzen Zunge doch zu flach. „Soll ich jetzt wohl sagen, weil die Unvorhersagbarkeit und die Naturgewalt mich fasziniert? Nein, es ist einfach so.“  Miara hat es nicht leicht mit dem Mann, er ist nicht der freundliche Gast, der brav jede Frage beantwortet. Er nimmt gerne Menschen auf die Schippe, die noch an „Märchen“ glauben. Etwa, dass sich bei Neumond das Wetter ändert. Auch Wetterapps kommen nicht gut weg. „Die stimmen nie!“, behauptet Kachelmann. Man könne das Wetter nicht stundengenau vorhersagen.

Und dann sind sie beim Thema Braunsbach. Hätte man die Sturzflut voraussagen können? Nein. Mit der besten Messtechnik hätte man das höchstens eine halbe Stunde vorher erkennen können. Man habe gewusst, dass Unwetter mit Starkregen kommen, die sich lokal abregnen und nicht wandern, aber an welcher Stelle genau, das habe man nicht vorhersagen können. Und dann spielten die Gegebenheiten vor Ort noch die entscheidende Rolle. Hier wird Kachelmann von seinem Kollegen Marcus Schindewolf aus Leipzig bestätigt, der sich die Gegend am Nachmittag anschaute, und den steilen Abhang und den oberen, mehrere Quadratkilometer großen Acker als entscheidende Faktoren für das Unglück vom 29. Mai sieht.

Schlimme Zeiten haben die Braunsbacher und Kachelmann hinter sich. Er wurde 2010 der Vergewaltigung beschuldigt, musste für mehrere Monate ins Gefängnis, bis das Gericht ihn ein Jahr später für unschuldig erklärte. Seither sei seine Karriere vorbei und er müsse stetig kämpfen, haftet ihm der „Vergewaltigertitel“ trotz Freispruch immer noch an.

„Ich habe da jetzt gar keine Lust drüber zu reden“, sagt Kachelmann. Er möchte sich nicht herausstellen und jammern vor den Braunsbachern, die so ein Unglück hinter sich haben. Ein Neuanfang sei es für beide gewesen. Und hätte man den nicht erfolgreich geschafft, dann säße man jetzt nicht hier.

Er hat seinen Kampf gehabt, kämpft ihn noch, und auf die Frage, was seine Geschichte über die Gesellschaft aussagt, zetert er über die Medien. Aufgeregtheit sei ihre Währung. Und sie hätten gut verdient an ihm.

Er will keinen „Jammermonolog eines alten Mannes“ liefern, habe mehr Spaß daran, Witze über das Aussehen von Moderatoren und rund gegessenen Bürgermeistern zu machen. Er nimmt die gut aussehenden Wetteransager auf die Schippe, die selbstverständlich nicht wüssten, wovon sie reden, sondern alles ablesen.

Jörg Kachelmann ist am Ende des Abends gerade erst in Fahrt gekommen. Er redet gerne, sarkastisch und frechschnäuzig und tendenziell heiter. Allerdings die Wolken die in den letzten Jahren sein Leben verdunkelten, haben ihre Schatten hinterlassen.

Info Das ZDF zeichnete am Freitag Teile des Gesprächsabends auf und wird sie am 29. Mai, am Jahrestag der Sturzflut in Braunsbach, in der Sendung „Drehscheibe“ zeigen.

Jörg Kachelmann wurde in Lörrach geboren und wuchs in der Schweiz auf, wo er bis heute lebt. Der 58-Jährige studierte Geographie, Meteorologie, Mathematik und Physik in Zürich. In den 90er-Jahren gründete Kachelmann das meteorologische Dienstleistungsunternehmen „meteomedia“. Er moderierte Wettersendungen für die ARD und eine Reihe ihrer Einzelsender. 2010 wurde er von seiner Geliebten Claudia Dinkel wegen Vergewaltigung angeklagt. Kachelmann musste einige Monate in Haft, bis man ein Jahr später das Urteil revidierte und ihn nicht schuldig sprach. Die ARD wollte ihn nicht wieder einstellen. Er verkaufte „Meteomedia“ und machte sich 2015 mit der Internetseite Kachelmannwetter.com selbstständig. Kachelmann ist seit 2011 verheiratet und hat einen kleinen Sohn.

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