Mehr Glühwein heißt mehr Besucher

Die Stadt spricht von einem Rekordjahr auf dem Haller Marktplatz mit 250.000 Besuchern. Wer die Zahl mit anderen Veranstaltungen vergleicht, könnte zweifeln.

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Zwei Frauen stoßen im Dezember an. Anhand der zentral gespülten Tassen berechnet die Stadt die Besucherzahlen.  Foto: 

Menschenmassen drängen sich über den schmalen Weg. Vor dem Haller Epinalsteg staut es sich. Es geht weder vorwärts, noch zurück. So geschehen im August 2017. Ein Rekord-Sommernachtsfest. Ausnahmsweise ohne Regen, dafür hochsommerlichen Temperaturen. Tausende kommen. Doch wie zählt man diese Besucherströme?

Beim Sommernachtsfest ist das kein Problem: Die verkauften Tickets bringen die Lösung. Rund 11.000 Besucher waren es. Ganz anders sieht es bei öffentlichen Veranstaltungen ohne Eintrittskarten aus. Schätzungen von Veranstalter und Behörden gehen meist weit auseinander. Berühmtestes Beispiel ist die Amtseinsetzung von US-Präsident Donald Trump 2017, bei der sein Sprecher verkündet hatte: „Das war das größte Publikum, das jemals bei einer Vereidigung dabei war.“ Luftbilder belegen das Gegenteil.

Mehr als 10 000 Gäste am Tag?

Beim Haller Weihnachtsmarkt steckt zwar eine Methodik hinter der Schätzung, dennoch handle es sich wohl um eine Fehlberechnung, vermutet Leser Kurt Enßle aus Hall, der nach der städtischen Verlautbarung über den Besucherrekord auf dem Haller Weihnachtsmarkt nachrechnete. Die offizielle Zahl liegt bei 250.000 an 23 Öffnungstagen. Enßle schreibt in seinem Leserbrief, dass es dann „pro Tag 10.869 Menschen waren, die angeblich zum Event auf den Marktplatz strömten“, in etwa so viele Menschen, wie sich beim Rekord-Sommernachtsfest auf dem Unterwöhrd und in den Ackeranlagen drängten.

Bei einer Öffnungsdauer von neun bis zehn Stunden müssten im Schnitt also jeweils 1086 bis 1207 Besucher auf dem Marktplatz gewesen sein. „So viele Leute mögen auf dem leeren Marktplatz einigermaßen Platz finden“, zusammen mit den 40 Hütten „muss das Gedränge unbeschreiblich gewesen sein“, so Enßle.

Sind die städtischen Schätzungen also falsch? Janine Leonberger, Leiterin der Touristik und Marketing, widerspricht: „Die Besucherzahlen kommen einem hoch vor, beruhen aber auf tatsächlichen Zählungen aus den Jahren zuvor. Deshalb denke ich schon, dass sie realistisch sind.“ Grundlage bildeten Zählungen von 2014 und 2015. Die Werte seien dann mit der Anzahl an verkauftem Glühwein verglichen worden. „Als Ergebnis wurde der Faktor 2,8 errechnet.“

Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim hatte bei der Eröffnung des Weihnachtsmarkts 2017 daher gefordert: „Trinken Sie mehr Glühwein, dann steigen die Besucherzahlen!“ Die Zahl stieg tatsächlich. 90.000 Glühweintassen wurden laut Leonberger gespült. So wurde die Zahl 250.000 ermittelt, damit 10.000 Besucher mehr als 2016.

Faktor soll geprüft werden

Leonberger gesteht aber ein, dass bei den Zählungen jeder, der den Marktplatz gequert hat, notiert wurde, also auch Personen, die gar nicht zu den Buden wollten oder mehrfach einen der Kontrollpunkte passierten. 2018 soll erneut gezählt werden, um den Faktor zu überprüfen.

Enßle vermutet dennoch eine viel größere Diskrepanz – und stellt einen Vergleich mit den Freilichtspielen auf. Dort wurden in der Saison 2016 insgesamt 75.000 Besucher gezählt, also in etwa so viele, wie laut Touristik-Abteilung in einer Woche auf dem Weihnachtsmarkt. 2017 kamen gar nur 55.000 Besucher zu den Freilichtspielen.

Doch wie viele Menschen passen tatsächlich auf den Marktplatz? Die Fläche beträgt ohne Große Treppe rund 1600 Quadratmeter, wovon rund 500 Quadratmeter als Stand- und Bühnenfläche reserviert waren. So blieben etwa 1100 Quadratmeter für die Besucher. Laut Leonberger kamen am besucherstärksten Tag 22 000 Menschen. Verteilt man diese gleichmäßig auf zehn Stunden, kommt man jeweils auf 2200 Besucher. Es bliebe rechnerisch jedem Besucher in etwa ein halber Quadratmeter, was laut baden-württembergischer Versammlungsstätten-Verordnung gerade noch erlaubt ist. Sie erlaubt eine Maximalzahl von zwei Menschen pro Quadratmeter Grundfläche. Allerdings gibt es weniger und stärker frequentierte Zeiten.

Vergleich mit anderen Events

Ein geprüftes und stichhaltiges Verfahren zur Zählung gibt es nicht, dafür aber Erfahrungswerte, etwa durch andere Ereignisse: Die Besucherzahl beim Haller Pfingstfest 2017 lag bei etwa 5000. Das Freibad hat in der vergangenen Saison 110.000 Besucher gelockt. Der höchste Wert wurde am 28. Mai mit 3767 Gästen erreicht. Die Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart hat eine Kapazität von 60 449, der Optima Sportpark in Hall rund 3000.

Text sdf

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