Max Tidof: "Ich mag mein verlebtes Gesicht"

Seit Jahrzehnten ist Max Tidofs markantes Gesicht aus der deutschen Film- und TV-Landschaft kaum wegzudenken. Theater spielt er ebenso gern - derzeit den Don Juan auf der Großen Treppe in Schwäbisch Hall.

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  • "Wichtig ist, dass eine Figur eine Entwicklung hat": Max Tidof blickt auf 120 Film- und Fernsehrollen zurück. 1/2
    "Wichtig ist, dass eine Figur eine Entwicklung hat": Max Tidof blickt auf 120 Film- und Fernsehrollen zurück. Foto: 
  • Max Tidof als Don Juan auf der Großen Treppe in Hall. 2/2
    Max Tidof als Don Juan auf der Großen Treppe in Hall. Foto: 
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Hauptsache, draußen sitzen, auch wenn es an diesem Nachmittag tröpfelt. Doppelter Espresso, Zigaretten. Zuvor hat Max Tidof Sport getrieben, schließlich verlangt ihm die Große Treppe in Schwäbisch Hall auch körperlich einiges ab: Dort spielt er Freilichttheater, als Titelheld in Molières "Don Juan". Weil er in diesem Sommer auch noch ein Gastspiel in Heilbronn hat - in der Gaunerkomödie "Auf und davon" - absolviert der 55-jährige Münchner ein strammes Pensum. Das Wechseln zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall sei "schon ein Schlauch", es klappe aber doch ganz gut.

Fürs Gespräch nimmt er sich Zeit. 35 Jahre Karriere, Theater, Film, Fernsehen: Das gibt reichlich Stoff. Am späteren Nachmittag wird er noch einen Blick ins Textbuch werfen, anschließend: Einfechten, Kostüm, Maske. Dann wird er wieder als Don Juan treppauf, treppab rennen und raufen, knutschen und kämpfen, auch mal auf allen Vieren die Stufen nehmen.

Die Vorstellung endet um 22.30 Uhr, danach brauche er "ziemlich Zeit, um runterzukommen", vor zwei, drei komme er selten ins Bett. Jetzt aber erstmal Plaudern, Kaffeetrinken und Rauchen im Regen.

Übers Wetter zu sprechen, ist banaler Small Talk - es sei denn, es geht um Freilichttheater . . .
MAX TIDOF:
Stimmt! Die Probenzeiten waren hart, vor allem an den ersten richtig fetten, heißen Tage im Juni. 34 Grad, da ist es auf der Treppe viehisch. Plötzlich kalte Tage, dann erneut warm. Man gewöhnt sich aber daran.

Sie spielen das erste Mal Freilichttheater. Fühlt sich anders an?
TIDOF:
Völlig anders. Dazu die Treppe rauf und runter . . . Es macht aber Spaß, und wenn dann noch das Publikum mitgeht, ist es prächtig. Wenn nicht, fühlt es sich an wie ins Leere gespielt. Aber es ist ein toller Ort für das Stück: die Michaelskirche im Hintergrund als drohendes Monument, das für den Himmel, die Geistigkeit steht - Don Juan geht ja auch den Glauben an. Das ist großartig.

Don Juan ist ein manischer Frauenverführer. Denkt man da über das eigene Auftreten als Mann nach?
TIDOF: Um ehrlich zu sein, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Don Juan ist eine Rolle, eine Figur . . . aber ja, doch, es gibt Parallelen zu den Zeiten, als ich jung war.

Molières Don Juan ist eigentlich ein junger Mann, Sie sind 55. Verändert das den Blick aufs Stück?
TIDOF:
Es macht die Sache brachialer. Ja, es ist ein ziemlich harter, brutaler Don Juan, den wir da auf die Treppe setzen. Das war auch meine erste Frage an Regisseur Thomas Goritzki, aber er findet es gut, einen Don Juan zu zeigen, der sein Leben schon größtenteils hinter sich hat. Das macht die Figur schärfer, kantiger und das Stück schärfer, böser. Es geht bis aufs Messer.

Sie haben früher oft schurkische, halbseidene Charaktere gespielt, der Lover ist erst später dazugekommen. Eine angenehme Entwicklung?
TIDOF:
Auf jeden Fall. Durch die "Comedian Harmonists" hat sich das ziemlich verändert, dadurch kamen die Liebhaber. Aber ich hab auch vorher schon andere Sache gespielt. Was mich reizt, ist Vielfalt. Und wichtig ist, dass eine Figur eine Entwicklung hat. Wenn sie bei A anfängt und bei A aufhört, ist das uninteressant. Nur Bösewichter brauchen kein Gefälle, weil sie das Gefälle schon von vornherein haben.

Auf Ihrer Homepage zeigen Sie sich als "The Good", "The Bad", "The Ugly" und "The Funny" . . .
TIDOF:
. . . so einen Trailer über sich zusammenzuschneiden, ist eigentlich völlig absurd. Wie soll ich aus den 120 Filmen, die ich gemacht habe, fünf Minuten zusammenstellen? So entstand diese Idee.

Das Äußere ist ein Kapital eines Schauspielers, sei es durch Attraktivität oder Wiedererkennbarkeit oder beides. Wie gehen Sie in Ihrem Beruf mit dem Älterwerden um?
TIDOF:
Ja mei, so wie jeder andere auch - Altwerden ist beschissen (lacht). Manche Sachen schließen sich halt irgendwann aus, und die Jugendwahngesellschaft tut ihr übrigens. Aber das ist dann eben so. Ich habe neue Autogrammkarten machen lassen und sehe darauf ein recht verlebtes, zerfurchtes Gesicht, was mir wirklich gut gefällt. Ich habe damit kein Problem. Es wäre schöner, wenn der Körper besser mithalten würde - das ist auf der Treppe hier echt ein Akt. Ich muss gleich noch los, um mir Schmerzgels zu holen, weil ich überall Prellungen habe.

Man spricht oft vom Schauspiel-handwerk. Sie haben mit 19 am Münchner Studiotheater angefangen, waren auf keiner Schauspielschule. Hat Ihnen nie etwas gefehlt?
TIDOF:
Ich habe ohne Netz angefangen. Die Sicherheit, die Andere durch die Schauspielschule haben, hatte ich natürlich nicht. Ich habe mir das hart erkämpft über die Jahre. Aber ganz ehrlich: Ich hätte damals eine Schauspielschule nie durchgestanden. Meine normale Schulzeit war schon ein Fiasko, und ich habe einen Autoritätskomplex, das wäre nichts für mich gewesen. Irgendwann war's dann auch gegessen. Ich wollte erreichen, dass ich an das beste Theater Deutschlands komme und mit dem besten Regisseur arbeite, und das habe ich geschafft: mit Peter Stein, mit der Welturaufführung von "Roberto Zucco" an der Berliner Schaubühne.

Parallel kamen erste Kinorollen, Sie wurden vor ziemlich genau 30 Jahren mit "Vergesst Mozart" bekannt, spielten neben Armin Mueller-Stahl. Hatten Sie nie Selbstzweifel?
TIDOF:
Ich war extrem frech, hatte keinen großen Respekt vor dem Armin oder Wolfgang Preiss. Da sind Generationen aufeinandergeprallt. Und zwei Arten der Schauspielerei: Bei Proben für Filme habe ich mich früher extrem zurückgehalten und mir die volle Energie zum Drehen aufbewahrt - das ging den anderen, vor allem Herrn Preiss, auf die Nerven. Das war nicht so nett, und ich habe das über die Jahre geändert.

Sie haben viel Fernsehen gemacht, und es kann ja nicht alles Grimme-Preis-verdächtig sein. Haben Sie eine Qualitätsgrenze nach unten, oder muss man halt einfach seine Rechnungen bezahlen können?
TIDOF:
Als ich mit Anfang 20 das erste Filmangebot bekam, habe ich mir eine Vier-Punkte-Liste gemacht: Regie - Rolle - Drehbuch - Gage. Zwei von diesen vier Sachen müssen stimmen, dann sag ich zu.

Die Gage allein darf es nie sein?
TIDOF:
Genau. Wenn eine Rolle klein ist und ich den Regisseur nicht kenne, die Gage aber stimmt und das Buch gut ist - dann sag ich zu. Wenn ein Buch klasse ist und der Regisseur talentiert, aber es ist Low Budget, die Gage niedrig - das mach ich auch. So fahre ich seit 35 Jahren gut. Wenn ich zurückschaue, muss ich mich im Prinzip für keine Geschichte schämen. Klar, ich habe ein, zwei rasant schlechte Filme gemacht, aber das war vorher nicht zu ahnen, das kann passieren.

Sie machen viel Sport, boxen gern - wie wichtig ist die Physis beim Spielen, gerade als Don Juan?
TIDOF:
Ich muss hier nebenher trainieren, Sit-ups, Gewichte. Für den Don Juan muss ich ja treppenfit sein. Und auch für meine Rolle in "Auf und davon" in Heilbronn ist das Körperliche wichtig; man muss ja glauben, dass eine Frau mit diesem Kerl gern was anfängt. Ich bin nämlich blöderweise auch für diese Rolle zu alt (lacht).

Zur Person vom 7. August 2015

Vita 1960 in der Eifel geboren, startete Max Tidof seine Schauspielkarriere 1979 am Münchner Studiotheater. Nach intensiven Jahren dort trat er an den Münchner Kammerspielen, in Bonn und an der Schaubühne in Berlin auf. Auf sein Fernsehdebüt in "Rote Erde" 1983 folgen viele TV-Rollen, von "Tatort" über "Der Meineidbauer" bis "Der Staatsanwalt". Im Kino machte Tidof erstmals 1985 in "Vergesst Mozart" auf sich aufmerksam, Leinwand-Erfolge feierte er unter anderem mit "Abgeschminkt!" (1993) und "Comedian Harmonists" (1997), wofür er den Bayerischen Filmpreis erhielt.

Aufführungen Max Tidof ist noch am 12., 13. und 14. sowie am 19., 20. und 21. August als Don Juan in Schwäbisch Hall zu erleben.

www.freilichtspiele-hall.de

 

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