Maßnahmen gegen Russland: Auswirkungen für lokale Wirtschaft schwer einschätzbar

Gegen Russland sollen Strafmaßnahmen verhängt werden, aber zunächst keine Wirtschaftssanktionen. Beruhigend für heimische Betriebe? Nein. Kleine und mittlere Unternehmen haben Grund zur Sorge.

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Werden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland bald auf Sparflamme kochen? Angesichts des aggressiven russischen Griff auf die Krim ist zunächst von Strafmaßnahmen die Rede, nicht von Wirtschaftssanktionen. Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind erheblich: 45 Prozent des Erdgases für die EU kommen aus Russland. Deutschland liefert Maschinen und Anlagen für 7,8 Milliarden Euro nach Russland.  Foto: 

Welche Auswirkungen Strafmaßnahmen haben könnten, ist schwer einschätzbar. Gedacht ist zunächst offenbar an Kontensperrungen und Einschränkungen der Reisefreiheit. IHK-Präsident Harald Unkelbach weiß von Betrieben in der Region, die unmittelbar in Russland oder der Ukraine engagiert sind. "In diesen Firmen macht man sich große Sorgen." Unkelbach macht deutlich, dass ungeachtet der Maßnahmen, die getroffen werden, der Rubel schon jetzt erheblich an Wert verliert und dadurch Importe aus Deutschland teurer werden.

Der Künzelsauer Ventilatorenbauer Ziehl-Abegg liefert seine Technologie unter anderem an einen Zug-Hersteller nach Japan. Die Züge wiederum werden an Kunden in Russland verkauft. Aber nicht immer wissen Unternehmen, die zuliefern, wohin ihre Kunden die Waren verkaufen. Der Abnehmer kann in Deutschland sitzen, aber auch in Brasilien, China - oder in Russland.

Für Ziehl-Abegg ist Russland im direkten Geschäft ein vergleichsweise kleiner Markt, das Unternehmen spricht von einem Volumen im einstelligen Prozentbereich. Bedeutend größer, nämlich zweistellig, sei der Anteil am Geschäft mit Russland, wenn der Zulieferbereich mitberücksichtigt wird.

Nach Informationen der IHK Heilbronn-Franken seien 127 Unternehmen aus der Region von handelseinschränkenden Maßnahmen betroffen. Die Exportabteilung der IHK ist mit den betroffenen Unternehmen ständig in Kontakt. Deshalb sei die Zahl so genau bekannt.

Sanktionen treffen Mittelständler mehr als Konzerne

Die Bereiche Maschinenbau, Automobilindustrie und Chemie gelten als außerordentlich stark, was die Exporte nach Russland anbetrifft. Für die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer sei Russland der viertwichtigste Absatzmarkt, gibt der Branchenverband VDMA bekannt.

Mittelständler würden Wirtschaftssanktionen mehr treffen als große Konzerne, vermutet Jürgen Ratzinger. Er ist Geschäftsführer International der Industrie- und Handelskammern. Dax-Konzerne beispielsweise seien breiter aufgestellt als Mittelständler. Für sie sei Russland nur ein Teil des Geschäfts.

Direkt in Russland engagiert ist der Ilshofener Abfüllmaschinenbauer Bausch+Ströbel. In der Gesellschaft Pharma Union Moskau arbeiten zwei Beschäftigte. "Russland ist für uns ein wichtiger Markt mit einem Verkaufsanteil von rund fünf Prozent", teilte das Unternehmen der Redaktion vor zwei Wochen mit.

Der Gaildorfer Fahrzeuge- und Werkstatteinrichter Bott ist mit Vertretungen in mehr als drei Dutzende Ländern präsent - von Kanada bis Australien, von Indien bis Mexiko - und auch in Russland. Die Geschäfte dort laufen über die Giga-Auto in St. Petersburg. Sie seien aber derart gering, dass es keiner Erwähnung bedürfe, teilt das Unternehmen mit. Sanktionen würden Bott nicht treffen. Hauptmarkt der Gaildorfer ist Europa.

Der Reinigungstechniker Kärcher, der in seinen drei Werken im Bühlertal mehr als 1000 Menschen beschäftigt, räumt ein: Russland ist für uns ein wichtiger Markt. Wie viel Geräte Kärcher nach Russland liefert oder wie hoch der Umsatz dort ist, will man in der Zentrale in Winnenden nicht verraten.

Historisch betrachtet, hat sich das Werkzeug der Wirtschaftssanktion nicht bewährt. Angewandt wurde es bereits wegen der Rassentrennung in Südafrika, des Atomprogramms im Iran oder der Revolution in Kuba. Geschichtsprofessor Christoph Cornelißen (Frankfurt) stellt fest: Die Sanktionen hätten nicht zu den erhofften politischen Veränderungen geführt.

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