Leerstände in der Marktstraße: Suche nach Nachnutzungen – Kocherquartier als Konkurrent

In der zum großen Teil sanierten Marktstraße stehen einzelne Ladenräume und ein Gebäude leer. Gründe sind Umzug und Krankheit, aber auch fehlende Kunden in der oberen Stadt.

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Der Laden, in dem bis zum vergangenen Jahr Wein verkauft wurde, steht leer (rechts).Bis Weihnachten sollen die Räume wieder belegt sein. Der Hausbesitzer wünscht sich mehr Plätze für Kurzparker in dem Gebiet. Ein Geschäftsinhaber sagt, dass das Kocherquartier Kunden abziehe.  Foto: 

Der Laden in Hausnummer 2 und das Geschäft in Nummer 9 – an diesen Adressen in der Marktstraße stehen Passanten vor dunklen Schaufenstern, in denen sie nichts erkennen außer ihrem eigenen Spiegelbild. Die Räume sind leer – wenn überhaupt, stehen dort nur Handwerker mit ihren Utensilien.

Ihren Weinladen in der Marktstraße 2 gab die mittlerweile verstorbene Sybille Gigga im vergangenen Jahr wegen Krankheit auf. Ernst Breit ist Besitzer des Hauses, in dem früher die Engel-Apotheke untergebracht war. Es gebe „verschiedene Optionen“, was die nächste Nutzung der Räume betreffe. Er hoffe, sie „auf jeden Fall vor Weihnachten dieses Jahres wieder belegt zu haben“. Breit spricht nicht von einem Leerstand, sondern von einem „Übergang“.

Zu wenige Kunden unterwegs

Wenige Meter daneben gab es kürzlich einen Abschied: Die Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist von dem fünfgeschossigen Haus in der Marktstraße 4 in die neue psychiatrische Klinik in der Ringstraße am Haller Bahnhof umgezogen. Der Mietvertrag läuft laut Hausbesitzer Walter Rau noch mehrere Jahre. „Wir sind zusammen mit dem Vermieter auf der Suche nach einer Nachnutzung“, sagt Klaus Kupfer, Betriebsdirektor des Klinikums am Weissenhof. Die Haller Tagesklinik ist eine teilstationäre Einrichtung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg.

Schräg gegenüber, in Haus Nummer 9, steht seit Mai dieses Jahres ein weiterer Laden leer. Die Firma Gustav Kachel hatte dort vier Jahrzehnte lang Geschenkartikel verkauft. Im Mai 2014 kündigte Inhaber Karl-Heinz Müller den Mietvertrag, ein Jahr später war der Auszug. Neben dem Laden befindet sich seit 150 Jahren das Haller Kachel-Traditionsgeschäft für Hausrat, Glas und Porzellan mit einer Verkaufsfläche von etwa 350 Quadratmetern. Dort, in der Marktstraße 11, ist Kachel weiter für seine Kunden da, hat jüngst in das Geschäft investiert, neue Abteilungen sind entstanden. Jene für Geschenkartikel, die aufgegeben wurde, war knapp 130 Quadratmeter groß. Die Steinbacher Immobilienfirma Scheib ist vom Eigentümer beauftragt worden, eine Nachnutzung zu finden. Die Räume seien „seit September 2014 in der Vermarktung“, sagt eine Mitarbeiterin. Möglich sei, dass dort wieder eine Verkaufsfläche hineinkomme, aber auch Büroflächen seien denkbar. Die Marktstraße bezeichnet die Mitarbeiterin als „interessant“ und „nicht unattraktiv“.

Auch Kachel-Inhaber Karl-Heinz Müller findet, dass es in der Marktstraße einen guten Branchenmix gibt. Gleichwohl habe die obere Stadt ein Problem: Zu wenige Kunden seien dort unterwegs. Seit es das Kocherquartier gebe, seit Post, Volksbank und Musikschule mit „nach unten“ gezogen seien, habe die „Kundenfrequenz enorm abgenommen“. Das Kocherquartier „zieht verstärkt Kunden aus der oberen Stadt ab“, sagt Müller. Hinzu komme, dass es in einer „Kleinstadt“ wie Hall mit der „immensen Menge an Gewerbe“ im Osten und Westen der Stadt „ein Überangebot an Ware“ gebe. Auch Internet-, Fabrik- und Katalogverkauf sowie „Möbelhäuser auf der grünen Wiese“ nähmen den Einzelhandelsgeschäften Kunden weg. Dies alles seien Mosaiksteinchen, die dazu beitrügen, dass Läden geschlossen würden. Auch die Geschenkartikel-Abteilung von Kachel sei wegen der Entwicklung des Kocherquartiers geschlossen worden: „Das hat sich betriebswirtschaftlich nicht mehr gelohnt.“

„Mit Kocherquartier hat Kundenfrequenz enorm abgenommen“

Auswärtige Kunden seien wichtig für das Geschäft: Diese hätten „unsere Branche nicht mehr in ihrem Ort“. Müller meint damit ein Einzelhandelsgeschäft wie seines, in dem Beratung, Service, Qualität und ein großes Sortiment wichtig seien. „Etliche Besucher sind begeistert von den Einzelhandelsgeschäften, die es in der oberen Stadt noch gibt. Die machen dann ihre Runde, gehen zum Schuhmacher, in Bekleidungsgeschäfte, zu uns und besuchen auch noch das Würth-Museum.“

Müller wünscht sich, dass die Haller die Einzelhandelsgeschäfte unterstützen. Nur dann lebe die Stadt und bleibe sie attraktiv. Stimme die Kundenfrequenz nicht, sei es schwer, das große Sortiment zu halten. „Wenn man Tradition nicht unterstützt, gibt es sie irgendwann nicht mehr“, sagt Müller. Ernst Breit sieht das Problem in der oberen Stadt in ihrer topographischen Lage. Geparkt werde im Talgebiet. Viele Autos führen um das Gebiet herum, würden aber nicht abbiegen. Die Zugänglichkeit des Gebiets „muss einfacher werden“. Auch Breit sagt, dass mit dem Weggang der Post ein „ganz wichtiger Frequenzbringer“ weggefallen ist.

Wichtig für die obere Stadt seien „schnell verfügbare Parkangebote, es müssen Anreize für Kurzparker geschaffen werden“. Er sei aber optimistisch, dass sich das Gebiet positiv entwickle. „Die Marktstraße ist eine schöne Straße.“ Zudem hat die Stadtverwaltung sie zuletzt etappenweise sanieren und sie so herrichten lassen, dass sie für Fußgänger nun bequem zu begehen ist.


Hauskauf für 2,50 Gulden

Besitzer Das Haus in der Marktstraße 4, in dem bis vor kurzem die Tagesklinik war, hatte im Laufe der Jahrhunderte mehrere Besitzer. So wurde es laut Haller Häuserlexikon am 12. Juli 1710 von dem Handelsmann Johann Peter Seiferheld für 2,50 Gulden gekauft. Ein weiteres Beispiel aus der Besitzerliste: Am 19. Oktober 1808 wurde das Haus für 5500 Gulden durch den Konditor Georg Nikolaus Pabst erworben.
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