Landgericht revidiert Haller Urteil nach Kindesentziehung

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Ein Vater reist mit seinem nichtehelichen Kind von Deutschland zu seinen Eltern in den Gazastreifen. Die allein sorgeberechtigte Mutter des Kindes weiß davon. Sie ahnt nicht, dass der Mann knapp zwei Monate später das vierjährige Mädchen in Gaza-Stadt zurücklassen wird. Seit siebeneinhalb Jahren lebt das Mädchen in der muslimischen Familie des Mannes. Ein Heilbronner Berufungsgericht hat den Mann jetzt vom Vorwurf der Kindesentziehung freigesprochen.

 Das ist kurz gefasst die Geschichte des Mädchens Anni (Name von der Redaktion geändert), das 2009 seiner christlich geprägten Mutter weggenommen wurde. Heute spricht die Zwölfjährige Arabisch und trägt ein Kopftuch. Deutsch hat sie verlernt. Auch wenn sie mit ihrer 34-jährigen Mutter hin und wieder in bruchstückhafter englischer Sprache telefoniert: Sie möchte inzwischen bei den Großeltern im Gazastreifen bleiben.

Vater lebt mit Familie in Hall

Ihren heute 34-jährigen Vater kennt sie besser. Der Ingenieur wohnt mit seiner muslimischen Ehefrau und zwei Kindern zwar in Schwäbisch Hall, hat aber inzwischen mehrere Reisen in den Gazastreifen unternommen. Im vergangenen Jahr hat er sich monatelang mit Frau und Kindern im Haus seiner Eltern in Gaza aufgehalten. Die kleine Anni hat er trotzdem dort gelassen.

 Als dieser Fall im November 2014 vor dem Haller Amtsgericht verhandelt wurde, war Anni ihrer leiblichen Mutter noch nicht ganz so entfremdet. Aber der Hintergrund der Anklage war derselbe. Schon damals brachte der Ingenieur zu seiner Entschuldigung vor, seine gläubige, der Hamas nahestehende Mutter habe im September 2009 direkt vor dem Ausreisetermin die kleine Anni vor ihm versteckt. Er habe Anni gesucht, aber nicht gefunden. Die Grenze nach Ägypten sei nur kurzfristig offen gewesen. Er sei dann ohne das Kind ausgereist, um seine Arbeitsstelle in Waldenburg nicht zu verlieren.

 Das Haller Amtsgericht brauchte seinerzeit drei Verhandlungstage, bis das Urteil feststand. Der Angeklagte wurde wegen Entziehung einer Minderjährigen zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt und sollte Annis Mutter 18 000 Euro Schmerzensgeld bezahlen. Richter Jens Brunkhorst schrieb ein 29 Seiten umfassendes Urteil. Der Ingenieur legte Berufung ein.

Eintägige Verhandlung

Die fünfte kleine Strafkammer des Landgerichts hat das Urteil aufgehoben. Zwar gewann die Kammer unter Vorsitz von Frank Haberzettl in der eintägigen Verhandlung keine neuen Erkenntnisse zum Geschehen. Haberzettl aber schätzt den Fall juristisch anders ein. Entscheidend sei, dass der Angeklagte mit Erlaubnis von Annis Mutter in den Gazastreifen reiste. Dass seine eigene Mutter ihm das Kind „stehlen“ werde, habe er nicht wissen können. Er sei nicht verpflichtet, das Kind zurückzuholen.

Für den Angeklagten bedeutet dieser Freispruch eine unerwartete Wendung. Sogar sein Verteidiger Andreas Kugel beantragte eine einjährige Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Der junge Heilbronner Staatsanwalt Markus Pröbstle, der den Haller Vorprozess nur aus den Akten kennt, forderte eine zweijährige Haftstrafe mit Bewährung. Nebenklagevertreter Ulrich Warncke wollte das angefochtene Haller Urteil bestehen lassen, wie es ist.

Mutter kämpft seit 2009

Schockierend wirkt der Freispruch auf die 34-jährige Nebenklägerin. Seit 2009 hat sie gekämpft, ihre Tochter zurückzubekommen. Klagen, Anträge und Bitten bei Behörden und Botschaften brachten keinen Erfolg. Erst das Amtsgericht hatte mit seinem Urteil das Recht auf ihrer Seite gesehen. Jetzt steht die Frau vor einem Scherbenhaufen: Sie hat ihr Kind an die Mutter des Mannes verloren, mit dem sie nach deutschem Recht nie verheiratet war. Sie muss ihren Rechtsanwalt bezahlen, der sie durch beide Prozesse begleitete. Sie bekommt kein Schmerzensgeld.

 Richter Haberzettl betont: „Wir haben hier nicht moralisch zu urteilen.“ Der Angeklagte habe keine Straftat begangen. Die Mutter des 34-Jährigen sei die eigentliche Täterin. Für böse Absichten des Mannes gebe es keine Beweise. Das Urteil kann mit der Revision angefochten werden. Ob die Staatsanwaltschaft oder Anwalt Warncke Revision einlegen werden, ist bisher offen.

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