Krümelmonster: Lösegeld kommt in Hall an

Ein als Krümelmonster getarnter Spaßvogel hatte ein Bahlsen-Kunstwerk in Keksform stibitzt. Am Donnerstag kam Gebäck als Lösegeld auch nach Hall.

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Das Krümelmonster schnappt sich den goldenen Keks, der seit Jahren am Eingang der Firmenzentrale von Bahlsen in Hannover hängt. Der Schock für die Traditionsfirma verwandelt sich schnell in eine große Werbeaktionen. Denn Deutschland fiebert beim Kekskrimi mit: Wo führt die Spur der süßen Entführung hin?

Die Polizei geht auf Spurensuche, die Krümelmonster-Affäre nimmt ihren Lauf. Ein Bekennerschreiben zeigt die dicke Figur aus der Sesamstraße, wie sie in den Keks beißt - und zwar in das goldene Original. Wird das Kunstwerk gut behandelt?

Medien berichten wie wild über die Story - allein 595 Zeitungsartikel werden zwischen 24. Januar und 11. Februar dieses Jahres abgedruckt. In Amerika, Russland und Australien erscheinen Berichte. Im Internet verbünden sich Unterstützer für den Keks. "Free the Bahlsen Cookie" heißt es - befreit den Keks von Bahlsen. Selbst die hinterletzten Details werden bekannt: Anders als die süße Dauerbackware aus der Originalverpackung hat das 20 Kilogramm schwere Kunstwerk nicht 52 Zacken, sondern nur 34. Aha!

Deutschland im Keksfieber?

Deutschland im Keksfieber? Vielleicht nicht ganz, doch selten ist ein haltbares Kleingebäck so schnell in "in aller Munde". Ein Beispiel: Christian Pfeiffer, der über Hannover hinaus bekannte Kriminologe, wird befragt. Er antwortet im Spaß: Der Keksdieb sei in der Kindheit zu kurz gekommen, habe unter Verboten gelitten. Der Hang zu Süßigkeiten sei ein "Schrei nach Liebe".

Die Story hat eine ernste Seite: Immerhin hat die Polizei die Täter - es handelt sich wohl um eine Gruppe - noch nicht geschnappt.

Dann wird die Traditionsfirma Bahlsen aktiv - sie hat dem Wort "Keks" im Jahr 1911 die Aufnahme in den Duden überhaupt erst ermöglicht. Werner Bahlsen, Vorsitzender der Geschäftsführung, erhöht großzügig das vom Krümelmonster geforderte Lösegeld. Nicht nur 1000 Euro ans Tierheim und einige Kekse für die Kinderklinik soll es geben, sondern gar 52.000 Packungen für gemeinnützige Organisationen. Das Monster ist zufrieden, fordert aber "nicht die ohne Schokolade!"

Die Aktion gilt in der Werbebranche schon jetzt als Musterbeispiel für Krisen-Management. Eine PR-Firma schaltet Stellenanzeigen, die dem unbekannten Monster ein Jobangebot unterbreiten.

Werbung hätte Bahlsen 1,7 Millionen Euro gekostet

Das Fachblatt "Markt und Mittelstand" rechnet in einer Anzeigen-Gegenwert-Analyse aus: Hätte Bahlsen statt der Artikel kostenpflichtige Anzeigen geschaltet, hätte das 1,7 Millionen Euro gekostet.

Das Unternehmen dementiert vehement die Vorwürfe, selbst den Keks geklaut zu haben. Doch es kommt für Bahlsen noch besser: Die Keksübergabe an 52 Organisationen (1400 hatten sich beworben) steht an: Wieder berichten die Medien darüber - wie das Bayerische Fernsehen zur Hauptsendezeit.

Nun zieht sich die Krümelspur des süßen Kidnappings bis in die Salzstadt Hall. "Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass man sich bewerben kann und gleich eine E-Mail an Bahlsen geschrieben", sagt Stephan Koller, Geschäftsfeldleiter des Berufsförderungswerks Nürnberg, zudem auch eine Außenstelle in den Haller Herrenäckern gehört.

Nun liegen sie da: 432 Packungen "Leibniz Choco Vollmilch" zu Türmen gestapelt auf zwei Tischen. Keine Fernsehkameras laufen, kein Krümelmonster taucht auf, kein Keks-Symphonieorchester spielt.

Immerhin, die 110 Teilnehmer der Umschulungen in Schwäbisch Hall freut es: "Der Keks schmeckt wunderbar", sagt Miroslawa Danielewizc gestern bei der Übergabe. Sie beißt rein, will sich einige fürs Kaffeetrinken aufheben. "Da kriegst du gute Laune."

Wem die krümelige Affäre in den Medien langsam auf den Keks geht, der kann aufatmen: Bald ist das letzte Feingebäck aus dem süßen Lösegeld gegessen.

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